Full text: Die Hohenzollern und ihr Werk.

Niederländischer Feldzug. Bündnis mit England. Konvention von Zelchenba. 415 
Grenze zwischen Ostpreußen und Schlesien herstellen sollte. Er gedachte diese 
Erwerbung zu machen auf Grund einer freiwilligen Abtretung durch Polen; 
dafür sollte Polen entschädigt werden durch die Rückgabe Galiziens, die er von 
Osterreich zu erreichen hoffte. OÖsterreich wiederum sollte zum Ersatz die von 
der Pforte abhängigen Donaufürstentümer Moldau und Walachei erhalten, die 
ihm von der Türkei überlassen werden sollten; Rußland sollte ebenfalls mit 
türkischem Gebiet in Bessarabien zufriedengestellt werden. Bei alledem wurde 
auf die Unterstützung Englands gerechnet, obwohl in dem Bündnisvertrage von 
1788 nichts darüber ausgemacht war und die Erwerbung Danzigs durch Preußen 
von jeher als eine Schädigung der englischen Handelsinteressen betrachtet 
worden war. 
Es bestand wenig Aussicht, diesen Plan zu verwirklichen, da keine der 
Mächte geneigt war, in die ihr von Hertzberg zugemnteten Abtretungen zu 
illigen. Aber Hertzberg behielt auch nicht einmal die Fäden in der Hand, 
und die preußische Politik wurde durch andere Einflüsse, als die seinigen, nament- 
lich auch durch abweichende Neigungen des Königs bestimmt. Es gelang, im 
Einverständnis mit England Schweden, das in einem Kriege mit Rußland 
begriffen war, vor einem dänischen Überfall zu bewahren; und neben Schweden 
trat Preußen, um sich vor Rußland und Osterreich zu sichern, in nähere Ver- 
bindung mit Polen und der Türkei. Im Jannar wurde ein Bündnis mit der 
Pforte geschlossen, das ihr die Integrität ihres Besitzstandes gewährleistete, und 
im März folgte ein Bündnis mit Polen. Der König war sehr kriegslustig 
gestimmt; er hatte einen Teil seines Hecres mobil gemacht und stand bereit, 
über die böhmische Grenze vorzurücken, um eine ihm bedrohliche Verstärkung 
Osterreichs in dem Kriege mit der Türkei zu verhüten. Da starb am 20. Fe- 
bruar 1790 Kaiser Joseph II., und sein Nachfolger Leopold II., ein besonnener, 
maßvoller Politiker, entschloß sich, im Gegensatz zu dem Staatskanzler Kaunitz, 
dem alten Feinde Preußens, der auch jetzt den Krieg wieder aufzunehmen bereit 
war, alle Mittel anzuwenden, um den Frieden zu bewahren; er wandte sich in 
einem persönlichen Schreiben an Friedrich Wilhelm II. mit dem Wunsche, Ver- 
handlungen zu eröffnen. Diesem Wunsche gab Friedrich Wilhelm II. nach, 
und die Besprechungen der Diplomaten begannen zu Reichenbach in Schlesien im 
Juni 1790. Hertzbergs Projekt, auf das man doch wieder zurückkam, erwies sich 
auch jetzt als unausführbar; der König verlor die Geduld bei den langwierigen 
Verhandlungen, hinter denen er die Absicht einer unmittelbaren Verständigung 
zwischen Osterreich und der Türkei argwöhnte, und befahl den Abschluß des 
Vertrages mit Osterreich auf Grund einer Bedingung, die den Besitzstand der 
Türkei sicherstellte. Seine Kriegslust war längst verschwunden; Preußen gab 
die Unterstützung der aufständischen Brabauter und der unzufriedenen Ungarn 
auf, und Osterreich andererseits willigte ein, nach dem Verlangen Preußens 
und Englands einen Waffenstillstand mit der Türkei zu schließen mit der Aus- 
sicht auf einen Frieden ohne Gebietsabtretung. 
Auf dieser Grundlage kam die Konvention von Reichenbach zustande, 
am 27. Juli 1790. Friedrich Wilhelm II. hatte die Genugtuung, OÖsterreich 
in seinem Siegeslauf gegen die Türkei aufgehalten zu haben; es war mehr eine 
Befriedigung der politischen Eitelkeit, als ein realer Vorteil für Preußen, dem 
die Mobilmachung und der Kongreß wieder Millionen gekostet hatten. Die