Volltext : Unser Preußen.

128  Zweiter  Zeitraum.

seinen  Angriff  mit  immer  frischen  Truppen  auf  einen  Punkt  und  hinderte  seine
eserve  an  vorzeitigem  Eingreifen.  Bald  begann  der  angegriffene  Flügel  zu  wanken;
er  erhielt  zwar  Hilfe  vom  rechten  Flügel,  aber  die  Regimenter  kamen  teils  zu  spät,
teils  vereinzelt  an  und  wurden  geworfen.  Nach  etwa  zwei  Stunden  stand  die  österreichische
  Schlachtreihe  nördlich,  die  preußische  südlich  von  Leuthen,  das  hart  umstritten
  wurde;  aber  mit  Beginn  der  Dämmerung  ergriff  das  österreichische  Heer  die
Flucht.  Die  Österreicher  hatten  21000  Mann  verloren,  mehr  als  die  Hälfte  derselben
war  gefangen.  Doch  auch  von  den  Preußen  war  der  fünfie  Mann  geblieben.  Als
am  Abend  das  siegreiche  Heer  auf  dem  blutgetränkten  Felde  lagert,  stimmt  ein  Grenadier
das  Lied  an:  „Nun  danket  alle  Gott!“  Die  Feldmusik  fällt  ein,

„Und  stärker  noch  und  lauter  noch,  es  schwillt  der  Strom  zum  Meer,
Am  Ende  wie  aus  einem  Mund  singt  rings  das  ganze  Heer;

D#  Echo  donnernd  wiederhallt's  das  aufgeweckte  Thal:

Wie  hundert  Orgeln  braust  hinan  zum  Himmel  der  Choral.“  (H.  Besser.)

Das  preußische  Völk  aber  sang:

„Es  lebe  durch  des  Höchsten  Gnade  der  König,  der  uns  retten  kann,
So  schlägt  er  mit  der  Wachtparade  noch  einmal  90  000  Mannl“

Napoleon  I.  nannte  die  Schlacht  bei  Leuthen  „ein  Meisterstück  von  Bewegungen,
Manövern  und  Entschlossenheit“  Friedrichs  des  Großen;  dieser  aber  wußte  wohl
und  erkannte  gern  an,  was  er  seinen  braven  Truppen  verdankte:  noch  auf  dem
Schlachtfelde  ernannte  er  den  Prinzen  Moritz  von  Dessau  zum  Feldmarschall.  Am
Abend  kam  der  König  mit  einigen  Bataillonen  nach  Lissa,  das  voll  von  Osterreichern
  lag;  er  begab  sich  mit  nur  wenigen  Begleitern  aufs  Schloß,  wo  er  viele
feindliche  Offiziere  traf,  so  daß  seine  Freiheit  gefährdet,  war.  Aber  voll  Geistesgegenwart
  rief  er  den  Ersiaunten  zu:  „Guten  Abend,  meine  Herren!  Sie  haben  mich
hier  wohl  nicht  vermutet;  kann  man  hier  auch  noch  unterkommen?“  Durch  diesen
sicheren  Ton  irregeleitet,  verneigten  sich  die  Offiziere;  bald  darauf  kam  das  Gefolge
des  Königs  und  nahm  sie  gefangen.  —  In  den  nächsten  Tagen  schon  kapitulierten
Liegnitz  und  Breslau,  Schweidnitz  wurde  eingeschlossen.  Mit  Ausnahme  dieser
Festung  war  ganz  Schlesien  zu  Ende  des.  Jahres  wieder  in  Friedrichs  Händen.
Von  dem  österreichischen  Heere,  das  etwa  90000  Mann  stark  nach  Schlesien  gezogen
war,  kehrte  nicht  die  Hälfte  nach  Böhmen  zurück.  Karl  von  Lothringen  legte  den
Oberbefehl  nieder.

Das  Kriegsjahr  1758.

Kaum  hatte  Friedrich  im  Januar  seine  Truppen  in  Wintergquartiere
gelegt,  als  er  die  Nachricht  erhielt,  daß  die  Russen  unter  Fermor  in
Königsberg  eingerückt  seien  und  die  Ostpreußen  gezwungen  hätten,  der
Kaiserin  von  Rußland  zu  huldigen.  Bessere  Nachrichten  kamen  von  dem
westlichen  Kriegsschauplatze.  Der  große  englische  Minister  Pitt  war  ein
begeisterter  Verehrer  Friedrichs;  er  zeigte  im  englischen  Parlamente,  daß  der
König  von  Preußen  Englands  bester  Bundesgenosse  im  Kampfe  gegen  Frankreich
sei,  daß  „Amerika  in  Deutschland  erobert  werden  müsse",  und  er  wußte  es
durchzusetzen,  daß  Georg  II.  den  schimpflichen  Vertrag  zu  Zeven  nicht  bestätigte,
  sondern  mit  Friedrich  von  neuem  einen  Vertrag  schloß,  wonach  England
ihm  Hilfsgelder  zahlte  und  außerdem  das  englisch-hannoversche  Heer  unterhielt.
  Dieses  wurde  verstärkt;  zugleich  erbat  sich  Georg  II.  für  dasselbe  von
Friedrich  einen  anderen  Feldherrn,  der  ihnen  beiden  nahe  verwandt  war,
Herzog  Ferdinand  von  Braunschweig,  einen  Bruder  der  Gemahlin
Friedrichs.  Ihm  war  nur  die  Aufgabe  gestellt,  Hannover  zu  decken;  aber  er