Inhaltsverzeichnis : Unser Preußen.

4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  155

Menschenleben  gekostet,  dafür  hatte  es  aber  auch  die  Zuneigung  vieler  kleiner
deutscher  Fürsten  gewonnen,  die  der  vergrößerungssüchtigen  habsburgischen
Macht  gegenüber  in  ihm  einen  Beschützer  erkennen  mußten.

Beim  Friedensschluß  hatte  Friedrich  die  Vermittelung  der  Kaiserin
Katharina  angerufen,  die  auch  entschieden  für  ihn  eingetreten  war.  Hierdurch
belehrt,  bemühte  sich  seitdem  Joseph  II.  eifrig,  die  Gunst  der  russischen
Kaiserin  zu  gewinnen,  und  es  gelang  ihm,  ihre  Zustimmung  zu  seinen  Vergrößerungsplänen
  in  Deutschland  zu  erlangen,  wofür  er  sie  in  ihren  Anschlägen
  auf  das  türkische  Reich  zu  unterstützen  versprach.  Dann  wusßte  er
Karl  Theodor  zu  bewegen,  ihm  Bayern  abzutreten,  wofür  dieser  die  österreichischen
  Niederlande  als  Königreich  Burgund  erhalten  sollte.  Karl  von
Pfalz-Zweibrücken  wandte  sich  sofort  mit  der  Bitte  um  Hilfe  an  Friedrich,
und  dieser  erhob  nicht  nur  Einsprache  gegen  den  beabsichtigten  Ländertausch,
  wodurch  er  diesen  vereitelte,  sondern  benutzte  auch  die  Verstimmung
der  übrigen  deutschen  Fürsten  gegen  Osterreich,  indem  er  Hannover,  Sachsen,
Braunschweig,  Mainz,  Baden,  Weimar,  Hessen-Kassel  u.  a.  bewog,  mit  Preußen
einen  deutschen  Fürstenbund  zu  schließen.

5.  Jriedrichs  des  Großen  Tebensabend.

Friedrich  der  Große  wußte  sich  die  Liebe  seines  Volkes  und  die  Achtung
Europas  bis  zu  seinem  Tode  zu  bewahren.  Aber  immer  einsamer  wurde
das  Leben  um  ihn;  einer  nach  dem  andern  von  seinen  Freunden  starb  dahin,
Seydlitz  und  Quanz  schon  im  Jahre  1773;  Prinz  Heinrich  lebte  meistens
auf  dem  ihm  vom  Könige  geschenkten  Schloß  Rheinsberg.  Obwohl  der  König
seine  Gemahlin  hochschätzte,  konnte  er  sich  doch  nicht  entschließen,  mit  ihr  zusammen
  zu  wohnen.  Da  er  wegen  fehlender  Vorderzähne  die  Flöte  nicht
mehr  blasen  konnte,  hörten  auch  die  Konzerte  in  Sanssouci  auf;  er  suchte
fortan  Erholung  im  Lesen,  im  Gespräch  mit  den  ihm  gebliebenen  Freunden
und  auf  Spaziergängen,  auf  denen  ihn  seine  Windspiele  begleiteten.

.  Ein  herzliches  Verhältnis  bestand  zwischen  dem  Könige  und  Zieten.  Einst  schlum—
merte  der  alte  Held  an  der  königlichen  Tafel  ein;  als  aber  die  Höflinge  ihn  wecken
wollten,  sprach  der  König:  „Laßt  ihn  schlafen!  Er  hat  oft  genug  für  uns  gewacht.“
Noch  ein  Jahr  vor  seinem  Tode  erschien  der  greise  Zieten  mit  den  übrigen  Generalen
bei  der  Parole  im  Schloß.  Der  König  reichte  ihm  die  Hand,  bedauerte,  daß  er  die
Treppen  habe  heraufsteigen  müssen,  und  fragte  ihn  nach  seiner  Gesundheit.  Zieten
erwiderte:  „Die  ist  gut;  aber  ich  fühle  doch,  daß  die  Kräfte  schwinden."  —  „Das
Stehen  muß  Ihm  schwer  fallen,“  sprach  der  König,  „geschwind  einen  Sessel  für  Vater
Zieten!“  Als  der  alte  Held  sich  durchaus  nicht  setzen  wollte,  während  sein  König
sich  mühsam  auf  seinen  Krückstock  stützte,  erklärte  Friedrich  bestimmt:  „Setz'  Er  sich,
alter  Vater,  sonst  gehe  ich!  Ich  will  Ihm  durchaus  nicht  lästig  werden.“  Die  alten
Kriegskameraden  durften  sich  dem  Könige  gegenüber  auch  wohl  ein  freies  Wort  erlauben.
  Als  der  König  einst  den  französischen  Witz  sehr  rühmte,  sprach  General
von  Lettow:  „Wir  haben  viel  bessere  Witze  als  die  Franzosen  “  und  als  der  König
das  nicht  zugeben  wollte,  fuhr  der  General  fort:  „Da  ist  zuerst  Mollwitz,  wo  Eure
Majestät  die  erste  Bataille  gewann.  Ferner  haben  wir  Bunzelwitz,  wo  Eure  Majestät
so  sicher  saßen  wie  in  Abrahams  Schoß.  Dort  sitzt  mein  Freund  Prittwitz,  der  Eure
Majestät  bei  Kunersdorf  das  Leben  rettete,  und  hier  Lestwitz,  der  mit  seinen  Grenadieren
  stets  den  Nagel  auf  den  Kopf  getroffen  hat.  Das  sind  preußische  Witze;  mit
den  französischen  kann  man  keinen  Lund  vom  Ofen  locken.“  Der  König  verstand
ihn  und  sagte:  „Er  hat  recht,  lieber  Lettowl!“