Full text: Deutsches Kolonialblatt. XVII. Jahrgang, 1906. (17)

geschickt diese Leute in Geschäften sind. Auf meinen 
verschiedenen Reisen an den Küsten des Indischen 
Ozeans habe ich feststellen können, daß es im Grunde 
weder die Engländer noch die Deutschen oder 
Franzosen sind, die diese Küsten tatsächlich kolonisieren, 
sondern die Inder. Jedesmal, wenn eine europäische 
Nation mit großen Opfern eine neue Kolonie schafft, 
büßen die Inder, die schon längst am Platze sind, 
etwas von ihren Vorrechten ein; aber sie reißen fie 
schnell wieder an sich, und ihre Zahl verdoppelt sich. 
Kochinchina ist in ihren Händen; in Mombassa sehen 
wir, daß alle gut besuchten Läden Indern gehörten; 
sie haben die besten Plätze in Sansibar sowohl wie 
in Daressalam; in Majunga gedelhen sie trotz der 
bedeutenden Steuern, die ihnen General Gallieni 
auferlegt hat; auf der Insel Reunion find sie im 
Begriff, die Bodenwirtschaft an sich zu reißen; auf 
Mauritius werden sie, wenn das erst geschehen ist, 
bei der Wahl nach und nach die Mehrheit bilden. 
In Deutsch-Ostafrika sind sie in einer Zahl von 
zwanzigtausend vorhanden. Und zwar sind das 
W Untertanen. Ich habe diese Frage be- 
sonders studiert, und es ist nach meiner Meinung 
unerläßlich, daß die Deutschen diese Hindukaufleute 
kräftig zur Naturalisation zwingen, wenn sie ver- 
meiden wollen, daß später diplomatische Konflikte 
entstehen. « » 
Auf den Straßen der Städte und besonders in 
den Dörfern des Inneren muß man sich über das 
Ansehen wundern, das jetzt noch die Suahelis, diese 
Mischlinge von Arabern und Afrikanern, genießen. 
Vor 30 Jahren waren sie die Herren von Süd- 
und Ostafrika; Deutschland hat ihre politische Macht 
gebrochen, und Wissmann hat sich dadurch ein Ver- 
dienst um die Zivilisation erworben, denn sie beuteten 
Afrika durch ihren Sklavenhandel aus. Aber ihr 
Einfluß ist immer noch groß genug; als Karawanen- 
führer und Kleinhändler spielen sie eine bedeutende 
Rolle, und im Inneren sind sie sogar ziemlich häufig 
Grundbesitzer. Nach meiner Ansicht find auch sie 
gefährlich, vielleicht sogar die gefährlichsten der 
deutschen Untertanen: sie können Aufstände hervor- 
rufen und sie recht rasch verbreiten, erstens, weil sie, 
weniger intelligent als die Inder, nicht durch ihr 
geschäftliches Interesse von solchen Unternehmungen 
zurückgehalten werden, und dann, weil sie enge Be- 
zungen zu der ganzen Bevölkerung des Inneren 
aben. 
Unm sie in Schach zu halten, wäre es von 
Wichtigkeit, für die freiere Entwicklung der Bantu- 
rasse zu sorgen. Diese große Rasse von Südafrika 
ist bisher von den Europäern wenig beachtet worden, 
well die Leute still und furchtsam sind und deshalb 
für beschränkt gelten. Aber es ist eine außerordent- 
lich sympathische Rasse, hervorragend im Ackerbau, 
voll Famtliensinn und viel intelligenter, als man 
glaubt. Ihr Volkstum, das leider durch die kriege- 
rische Tyrannel der Massais und der Zulus unter- 
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Begriff davon machen, wie findig, geschmeidig und 
  
drückt worden ist, zeigt großzügige, malerische Einzel- 
heiten. Die Deutschen haben das größte Interesse 
daran, daß sie in ihrem Ostafrika gedeihen, und nach 
meiner Ansicht wäre sogor der Versuch lohnend, sie 
als Gegengewicht gegen die Hereros nach dem 
deutschen Südwestafrika zu ziehen. 
Besser als die chinesischen Kulis werden sie ver- 
stehen, sich das ausgedehnte Steppenplateau des 
Inneren zunutze zu machen. Dieses Gebiet ist ohne 
Zweifel ziemlich arm. Wie auf Madagaskar fällt 
die Einförmigkeit auf; aber es gibt auch fruchtbare 
Täler, sobald sie gegen die Winde geschützt find. 
Man müßte nur in Deutschland den Wert dieser 
Länder nicht nach den Analysen beurteilen, die in 
den Laboratorien gemacht werden. Als ich von der 
französischen Regierung nach Madagaskar geschickt 
wurde, habe ich die größte Sorgfalt darauf ver- 
wandt, herauszubekommen, ob die dortigen Plätze 
und das ganze Land wirklich so arm wären, wie 
es die berühmten Pariser Chemiker in ihren Labo- 
ratorien versicherten. Es war glücklicherweise nicht 
der Fall; ich konnte feststellen, daß es zwei Elemente 
gibt, mit denen man nicht gerechnet hatte. Das 
sind die Wärme und das Wasser, die in jenen 
armen Gebieten die Fruchtbarkeit verbürgen. 
Stanley hatte also unrecht, wenn er sagte, daß 
bei dem englisch-deutschen Abkommen Deutschland 
einen neuen Pantoffel gegen einen alten Hosenknopf 
elngetauscht hätte. Nicht sowohl das deutsche Süd- 
westafrika, aber Deutsch-Ostafrika hat eine große 
Zukunft. Und es wird außerordentlich interessant 
sein, zu beobachten, ob es Deutschland verstehen 
wird, sich immer mehr mit praktischem Verständnis 
der Kolonisation zu widmen. Durch seine Ausdauer 
hat es bereits ein hinreichendes Resultat in bezug 
auf die Zivilisierung erreicht; nun muß es auch 
seinen Nutzen aus dem Gebiet ziehen. Dazu wäre 
es freilich notwendig, daß mehr Kolonisten und we- 
niger Beamte dorthin geschickt würden. Es macht 
ja gewiß großes Vergnügen, die eingeborenen 
Truppen in unvergleichlicher Ordnung auf den 
prächtigen Straßen, die dort angelegt sind, manövrieren 
zu sehen. Aber hübscher wäre es doch, wenn die 
jungen Leute, die Studien halber nach Deutsch- 
Ostafrika geschickt werden, sich in das Innere be- 
gäben, dort llebevoll die Bantus studierten, sie 
schätzen lernten und allmählich an eine rationelle 
Bewirtschaftung des Bodens gewöhnten. Wenn man 
nicht bald darauf bedacht ist, elnen derartigen Zu- 
stand zu schaffen, so ist zu befürchten, daß die Eisen- 
bahn Bankerott macht. 
Eine große Gefahr für die Deutschen bildet 
freilich sicherlich das Klima. Es ist zwar nicht so 
ungesund, wie man gewöhnlich annimmt; aber es 
macht alle zwei bis drei Jahre einen Erholungs= 
Aufenthalt in einem gemäßigten Klima erforderlich. 
Ein verbreiteter Irrtum, der für die Zukunft der 
deutschen Kolonisation ins Gewicht fällt, ist nun der, 
daß man aus dieser Tatsache folgert, man müßte 
 
	        
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