Object: Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

B. Der Umfang der Lehrlingshaltung in der Industrie. 203 
dem Grunde der Erwägung wert, weil die 14 jährigen noch zu wenig 
für Fabrik und Werkstatt entwickelt seien und der einjährige Besuch 
einer gewerblichen Fortbildungsschule jedem Arbeiter not tue. Die 
jetzige stundenweise Gewerbeschulfortbildung bis zum 18. Lebensjahr 
zerreiße die Handwerksausbildung, die eigentliche Lehre, bringe viel 
Straßenbummelei, wenig Ernst, viel Spielerei, sei gut gemeint, wirke 
aber nicht dementsprechend. 
Wenn auch die Nichtausbildung von Lehrlingen in der Regel 
auf der freien. Entschließung der in Frage kommenden Firmen 
beruhe so ist doch nicht selten auch ein Grund hierfür in dem 
Mangel an Jugendlichen zu finden, die gewillt sind, ein Lehr- 
verhältnis einzugehen. Aus einer Reihe von Bezirken wird geklagt, 
daß man nicht genügend Lehrlinge bekommen könne. Besonders 
für einzelne gelernte Berufe ist die Heranziehung von jungen 
Leuten vielfach erschwert. So waren in den Bezirken Lüneburg und 
Stade im Jahre 1906 für die schweren Handwerke der Schiffbauer, 
Zimmerleute und Kesselschmiede nicht genügend Lehrlinge zu be- 
ommen. Ferner wurde auch über Mangel an Lehrlingen für das 
Former- und Modelltischlerhandwerk geklagt (Berichte der Gewerbe- 
aufsichtsbeamten, 1906). Ebenso war in demselben Jahre in Anhalt 
für die Berufe der Kesselschmiede und Former sowie der Schiffbauer 
im allgemeinen ein Mangel zu verzeichnen. Auch die den betreffen- 
den Lehrlingen gegenüber den übrigen häufiger gewährten besonderen 
Vergünstigungen hinsichtlich des Verdienstes wie der Dauer der Lehr- 
zeit hätten nur teilweise eine Besserung herbeigeführt, so daß in 
einigen Fabriken wegen des Mangels an Lehrlingen in der Formerei 
junge Arbeiter für einfache Kern- und Maschinenformarbeit heran- 
gebildet werden mußten. Einer Maschinenfakrik, die mehr als 
50 Former beschäftigte, war es seit vier Jahren nicht mehr gelungen, 
einen Formerlehrling. zu erhalten (Berichte der Gewerbeaufsichts- 
beamten, 1906). Ahnliche Klagen sind auch aus anderen Bezirken 
laut geworden und haben z. B. auch in den von den Gewerbeaufsichts- 
beamten beantworteten Fragebogen Widerhall gefunden. So wird 
aus Chennitz mitgcteilt, daß der Rückgang in der Lehrlingshaltung 
in der Abneigung vieler junger Leute liege und in dem Bestreben 
der Eltern, des weiteren Unterhaltes ihrer konfirmierten Söhne bald 
enthoben zu sein. Andererseits ziehe die mehr und mehr sich ver- 
breitende maschinelle Teilarbeit weitere ungelernte Arbeiter heran. 
In ähnlicher Weise teilt der Gewerbeaufsichtsbeamte für den Bezirk 
Auerbas i. V. mit, verschiedene Fabriken würden zwar gern Lehr- 
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inge ausbilden, könnten aber keine Leute bekommen. Die Neigung 
der jungen Leute zum Eintritt in ein Lehrverhältnis sei in der 
Abnahme begriffen. Sie erhielten z. B. in der Stickerei ohne vorher- 
gehende Lehre höheren Lohn als ein gelernter Handwerker, würden 
doch oft gelernte Arbeiter ihrem Berufe untreu, um lohnende Be- 
schäftigung zu übernehmen. Gelegentliche Befragungen von Ziegel- 
trägern hatten ergeben, daß diese gelernte Handwerker waren und 
als “2 in der Woche mehr verdienten als in ihrem Berufe 
im Mona