Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Militärkonflikt.  Bismarcks  Denkschrift  über  Bundesreorganisation  183

nicht  gut  zu  denken  war,  wenn  die  Zukunft  Deutschlands
dauernd  gesunden  sollte.

Die  Grundzüge  dieser  Denkschrift,  die  er  auf  Wunsch  des
Königs  im  Herbst  noch  weiter  ausgestaltete,  waren  etwa
diese:  Die  Zeiten  der  Heiligen  Allianz,  unter  deren  Schutze
sich  Deutschland  sicher  fühlen  konnte,  sind  vorbei;  Deutschland
ist  auf  sich  selbst  gestellt  und  auf  seine  eigene  Stärke  an—
gewiesen.  Die  kleineren  Staaten  können  diese  nicht  gewährleisten.
  Osterreichs  innere  Zustände  lassen  die  Bereitschaft  des
Kaiserlichen  Bundeskontingentes  in  der  Stunde  der  Gefahr
als  sehr  zweifelhaft  erscheinen;  dann  wird  Preußen  mit  seinen
achtzehn  Millionen  unter  höchster  Anspannung  aller  Kräfte
der  Hauptsache  nach  für  Deutschland  einzustehen  haben.  Es
ist  eine  Ungerechtigkeit,  daß  es  dabei  in  seiner  Gesamtheit  kein
stärkeres  Recht  am  Bunde  hat  als  die  kleinen  Nachbarstaaten,
die  es  schützt,  durch  die  es  aber  im  Frieden  seine  materielle
Entwicklung  beschränkt  sieht,  während  es  im  Kriege,  sobald  er
unglücklich  verläuft,  von  ihnen  verlassen  und  preisgegeben
werden  wird.  In  der  gesamten  deutschen  Bevölkerung  steigert
sich  das  Mißvergnügen,  daß  Deutschland  so  schwach  unter  den
Völkern  dasteht.  Preußen  muß  dahin  streben,  diese  Zustände
zu  verbessern;  als  Mittel  empftehlt  sich  die  Errichtung  einer
nationalen  Vertretung  des  deutschen  Volkes  beim  Bunde,  die
als  Bindemittel  dienen  kann  gegenüber  den  auseinandergehenden
  Interessen  der  Dynastien.  Diese  Vertretung  kann  durch
Delegationen  der  Landtage  gewonnen  werden.  Die  Kompetenz
dieser  Volksvertretung  sei  aber  einzuschränken  auf  die  Bestimmungen
  über  die  Wehrkraft  des  Bundes  und  die  Zollund
  Handelsgesetzgebung  mit  dem  Gebiete  der  verwandten
materiellen  Interessen;  die  Regierungsgewalt  soll  im  Inneren
jedem  Staat  unverkümmert  bleiben.  Dieses  Parlament  —  Bismarck
  nannte  es  Zollparlament  —  sollte  keine  über  den  Regierungen
  stehende  Zentralgewalt  sein,  wie  das  Frankfurter  Parlament
  es  für  sich  gefordert  hatte,  sondern  es  soll  neben  den
Vertretungen  der  Regierungen  beim  Bunde  stehen.  Eine  ehrliche
  Beteiligung  Osterreichs  kann  an  diesem  neuen  Bunde  nicht