Full text : Lesebuch für Landwirtschaftliche Winterschulen und ähnliche Anstalten im Königreich Bayern.

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winnt  noch  an  Schönheit  und  Leben;  statt  der  veralteten  Kirchtürme  in
ihren  geschmacklosen  Formen  erheben  sich  vielerorts  neue  aus  Sandstein,
weiß  oder  rot,  hoch  und  schlank  aufgebaut,  viereckig  mit  spitzgegiebelten  Wänden;
  daraus  steigt  der  achtkantige,  nur  langsam  sich  zuspitzende,  schiefergedeckte
  Helm  in  die  Luft;  oben  blinkt  das  goldene  Kreuz;  —  oder  man
sieht  selbst  reingotische  Türme  in  durchbrochener  Steinmetzenarbeit,  wie  der
an  der  neuen  Kirche  zu  Neustadt  oder  der  an  der  alten  Johanniskirche  zu
Dürkheim,  eine  wohltuende  Unterbrechung  in  dem  eintönigen  Häusergewirr.
Die  Bevölkerung  ist  hier  überwiegend  katholisch.  Darum  zeigt  sich  vor  dem
Orte  das  malerische  „Bildhäusel“,  vorn  zwei  überdachte  hölzerne  Pfeiler,
in  der  Mauer  des  Häuschens  eine  verglaste  Nische  mit  Heiligenbildern  und
oben  im  Giebel  eine  Madonna,  vor  dem  Häuschen  ein  steinernes  Kruzifix
und  ein  Betstuhl.  Wo  das  Bildhäuschen  fehlt,  steht  eine  kleine  Kapelle,
ein  Kruzifix  oder  ein  Muttergottesbild.  Feld-  und  Wegkreuze  finden  sich
häufig.  Auch  im  Innern  des  Dorfes  zeigen  sich  an  den  Wänden  oder  Ecken
der  Häuser  mehrfältig  Nischen  mit  Heiligenbildern  oder  mit  dem  Schutzpatrone
  des  Ortes.  Malerisch  ist  die  Gruppierung  der  Häuser,  namentlich
am  Gebirge  über  Neustadt  hinaus,  malerisch  durch  den  Wechsel  von  alten
Herrschaftsgebäuden  aus  Sandstein  mit  bürgerlichem  Holzbau  der  älteren
Zeit  und  mit  dem  modernen  Steinbau,  der  allmählich  fast  allen  Volksschichten
gemeinsam  geworden  ist.  Die  Dörfer  St.  Martin,  Rhodt,  Weiher,  dann
selbst  Ober-,  Mittel=  und  Unterhambach  u.  s.  w.  zeigen  uns  noch  echte,  nicht
immer  verkünstelte  Muster  des  älteren  Steinbaues  Häuser  mit  maleris  chen
Erkern,  auch  sonst  mit  kunstreicher  Steinmetzenarbeit  reichlich  verziert.

Eine  Eigentümlichkeit,  wo  nicht  besonderer  Schmuck  in  fast  allen  ehemals
  speyergauischen  Orten,  ist  noch  das  Rathaus  mit  offener  Halle.  Auf
kräftigen  Steinsäulen  ruht  der  obere  Stock  mit  der  Ratsstube,  so  in  Rhodt,
Weiher,  Ilbelsheim,  Impflingen  u.  a.,  redende  Denkmale  des  lebendigen
Rechtsverkehrs  der  früheren  Zeit.  Anderwärts,  wie  z.  B.  in  Dörrenbach
bei  Bergzabern,  ist  am  Rathause,  einem  ansehnlichen  und  zugleich  einem
sehr  interessanten  Holzbau,  die  Halle  geschlossen.  Eine  andere  bemerkenswerte
  Zierde  vorderpfälzischer  Rathäuser  ist  die  hohe,  freie  Treppe  von
außen  mit  überdachtem  Balkon,  so  recht  geeignet,  um  von  der  Ratsstube  aus
unmittelbar  mit  der  Ortsversammlung  zu  verkehren.  Solche  Freitreppen
zeigen  noch  Freinsheim,  Schifferstadt,  Neustadt  und  Deidesheim.  In
unsern  Dörfern  sind  heute  das  Gemeinde-,  zumeist  auch  Schulhaus,  in  der
Regel  glatte,  schmucklose,  früher  selbst  nicht  immer  praktisch  und  bequem
eingerichtete  Bauten,  so  daß  der  pfälzische  Volkswitz  nicht  in  Verlegenheit
kam  um  vortreffliche  Nahrung.  Die  „Betzenkammer“,  ein  auch  urkundlich
vorkommender  Name  für  das  vorsorgliche  Ortsgefängnis,  ist  im  Dorfe  bald
hier  bald  dort  angebracht.

Etwas  Unterbrechung  und  somit  mehr  Leben  in  die  Straßenlinien
bringen  auch  die  querüberstehenden  Wirtshausschilde,  die  „Nasenschilde“,
mit  ihren  mythischen  Tierfiguren  und  allerlei  Namen  und  mit  ihrem  vergoldeten
  Schnörkelbeiwerk.  Doch  sie  verschwinden  zusehends  und  waren
im  Westrich  nicht  gerade  allgemeine  Sitte.  Statt  ihrer  winkt  nun  die