Kriegsberichte: Wytschaetebogen 1917; die Große Schlacht in Frankreich
macher gibt der stufenweise vorrückende Feuervorhang
den Takt für die Vorwärtsbewegung der Sturmtrup-
pen an. Nebelausquellende Panzerstreitwagen krie-
chen auf den strahlenförmigen Straßen, die voraus-
gehenden Trupps verschleiernd, gegen Wyischaete
beran. Während, zwischen beiden Stützpunkten durch-
rechend, die englischen Spigen schon vorgeschobene
deutsche Geschütze erreichen, toben nördlich und süd-
lich von Wytschaete und um den Besitz von Mes-
sines in ihrem Rücken erbitterte Einzelkämpfe. Grim-
mig klammern sich die preußischen und bayerischen
Maschinengewehre an die Stützpunkte fest und rin-
gen, obschon von allen Seiten umstellt, im Vertrauen
auf raschen Entsatz, um jeden Schritt Boden. Noch
am späten Abend, als längst der Tag entschieden war,
hört man in Messines klappernde Maschinengewehre.
Der auf den östlichen Höhen erscheinende Feind,
von schnell gefaßten Geschützen im direkten Feuer
empfangen, sammelt sich zum zweiten Stoß. Wäh-
renddessen ist der Angriff im Norden und Süden
nicht vorwärtsgekommen. Am Kanal und an der
Eisenbahn waren die Sprengungen dank unseren
Pionieren von geringem Erfolg, in den dichten Wal-
dungen westlich vom Kanalrain versickerten die Sturm-
wellen. Wohl waren im Süden, im Schutz der Douve-
Niederung, die Angreifer in den Rücken von Messines
gelangt, aber zwischen Douve und Lys zerrieb sich
der Stoß an den bayerischen Reserven. Da es also
nicht gelungen war, die Flügel der deutschen Front
aus den Gelenken zu reißen und umfassend einzu-
schwenken, suchten die bei St. Eloi, Wytschaete und
Messines eingedrungenen Massen, sich vereinigend,
das Zentrum zu durchstoßen, um dann, den Kanal
überschreitend, den nördlichen Flügel aufzurollen.
Die deutsche Sehnenstellung, die, geradlinig von Holle-
beke nach westlich Warneton verlaufend, die meisten
Batterien verknüpfte, war das nächste Hindernis; Ziel-
punkte wurden die Dörfer Wambeke und Holle-
beke. Mit äußerster Kraft wehren sich die deutschen
Reserven, Schulter an Schulter mit den um die
zerschossenen oder zertrümmerten Geschütze gescharten
Artilleristen, gegen die übermacht. In manchen Feuer-
stellungen wird das letzte Geschütz gesprengt, Minuten
ehe der Engländer anlangt. .
Es ist Nachmittag geworden, und die rückwärts
bereitgehaltenen Reserven treffen auf dem Schlacht-
feld ein. Garde und Sachsen, von einem bayerischen
Regiment unterstützt, gehen gegen Messines vor,
die Westfalen setzen über den Kanal und werfen den
schon über Wambeke hinaus gelangten Feind gegen
Wytschaete zurück. Die Artilleriekampfgruppen östlich
von Bern und nördlich von Lille streichen aus den
Flanken, frische Artillerie fährt auf, und die von der
übermacht in schwankenden Luftkämpfen über Comi-
nes zurückgedrängten Fliegergeschwader stoßen noch
einmal heldenmütig vor, um den Batterien das Ziel
zu weisen. Der Feind, dem Verstärkungen über Wyt-
schaete zuströmen, der sogar nördlich von Messines
berittene Schwadronen nutzlos in unsere Maschinen-
gewehre hetzt, sieht sich bald in dem schwierigen Ge-
lände in blutigen Kampf verstrickt. Um Hecke und
Hof, um Baum und Busch wogt das Gefecht. Als
die Garde im Süden, wo der Feind nicht in gleiche
Tiefe vorgestoßen war, raschere Fortschritte macht und
die westfälische Division hinter sich läßt, bietet sich das
Glück dem Engländer an, er stößt in die Lücke. Aber
der rechte Flügel der Garde biegt um und treibt den
Feind aus der Sehnenstellung heraus.
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Der Abend verläßt den Engländer im Besitz der
Höhenzüge, aber an beiden Flügeln unbeweglich, von
der Sehnenstellung zurückheworfen und gezwungen,
sich einzugraben. Die deutsche Führung, Opfer und
Gewinn einer neuen Schlacht um Wytschaete abwä-
gend, nimmt die Truppen während der Nacht in eine
vorbereitete Linie, die von der Doppelhöhe 60 über
Hollebeke und Waasten verläuft, zurück; Artillerie
gebt diesseits und jenseits des Kanals in Stellung.
in dieser gestreckten Front scheitern Angriffsversuch-
der Engländer am 11. und 13. Juni.
Die Schlacht im Wytschaetebogen ist abgedämmt.
Dennoch soll der Erfolg des Feindes nicht verkannt
werden. Auch nicht verkleinert dadurch, daß ihm
Durchbruchsabsichten untergeschoben werden, wofür
die Anzahl der eingesetzten Divisionen zu schwach be-
messen war. Dagegen war sein Trieb nach vorwärts
noch am Nachmittage des 7. unverkennbar; den Ka-
nal zu gewinnen und seinerseits einen Block in den
Norden von Lille vorzutreiben, schien das angestrebte
Ziel. Dem hat der deulsche Gegenangriff die eiserne
Barrikade vorgeschoben. Der nutzbare Erfolg steht
in keinem Verhältnis zu solchen Opfern.
Die Große Schlacht in Frankreicht.
J.
Unsere Feinde, die über die organischen und an-
organischen Kräfte fast des ganzen Erdballes gebieten,
hatten seit Jahren in vielen gewaltigen Schlachten
versucht, die westliche Front des deutschen Heeres zu
durchbrechen. Die dünne Linie, zuletzt in Flandern?
von einer bis ins Fünffache überlegenen Kanonen-
phalang betrommelt, hielt stand. Dörfer und Städte
wurden aus der Front herausgeschlagen, Flußniede--
rungen und Höhenzüge Schritt um Schritt uns blutig
adgekämpft. Aber der Durchbruch mißlang, wo
immer er angesetzt wurde. Nichts half der von Schlacht
zu Schlacht gesteigerte Einsatz menschlicher und tech-
nischer Kräfte, nichts der Wechsel des Angriffspunktes.
Auch die Schlachten in Flandern?, obwohl hier die
grbte Masse an Fußtruppen und Geschützen auf dem
einsten Raum zusammengepreßt wurde, obwohl die
Angriffstaktik durch Verkürzung der Tiefe, und Ver-
engerung der Breite die Energie der Sprünge aufs
höchste steigerte, brachten keinen Erfolg. Es ichien,
als ob diesen Ofsensiven im Westen ein ehernes Gesetz
innewohnte, das die Angriffswoge jedesmal dicht am
Ziel ermatten ließ. Dem Verteidiger, der diesen toten
Punkt rechtzeitig erkannte und den Gegenstoß auf die
Blöße des Gegners anlegte, gelang es, den Ansturm
urückzuwerfen oder den Einbruch vor Eintritt größerer
Verluste abzudämmen. Der Durchbruch an der West-
front wurde mit der Zeit zu einem Problem, dessen
Lösung in unüberwindliche Gesetze von Raum und
Zeit verstrickt schien.
Andere strategische Ziele, geeignet, die ungeheuren
Blutopfer dieser gescheiterten Offensiven zu rechtferti-
en, lassen sich aus dem Trümmerhaufen der taktischen
Pragmente nur mutmaßen. Der von Schlacht zu
Schlacht nach Norden verschobene und sich damit be-
ständig verkürzende Angriffspfeil wurde schließlich,
um der dringendsten Gefahr zu begegnen, auf die U-
Bootbasis in Flandern gerichtet. Ziel aller früheren
Offensiven aber war der Durchbruchansich, verbunden
mit der Erwartung, daß der Strudel die Reserven
des Verteidigers verschlucken und allmählich die Auf-
1 Ugl. die Karte S. 100. — 2 Juni dis November 1917.
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