Full text: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

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quartier in Clermont aufschlug, deckte ingrimmig den 
Rückzug der verblindeten Truppen. So entstand, 
während unser Nordflügel weiterhin in schwere 
Kämpfe mit der zähen englischen Infanterie verwickelt 
wurde, zwischen Somme und Oise eine glänzende 
Verfolgungsschlacht, die mil der Eroberung von 
Montdidier am 27. ihren Höhepunkt erreichte. Un- 
aufhaltsam drangen die Armeen v. Hutier und 
v. d. Marwit in südlicher Richtung vor. Die Fran- 
zosen, die gezwungen waren, ihre Divisionen, wie 
sie eben anlangten, paketweise einzusetzen und vor die 
weichenden Engländer zu werfen, wurden in die all- 
gemeine Rückwärtsbewegung mit hineingerissen. 
Ermöglicht wurden die glänzenden Erfolge des 
Südflügels durch die Angriffe, welche die Armee 
v. Below im Norden gegen das Massiv der engli- 
schen Verteidigung führte. Der Nordflügel versah 
gleichsam den Dienst eines Hebels, indem er das 
Gros der feindlichen Reserven von der südlichen 
Front abdrückte und gegen sich selbst zusammenpreßte. 
Auch die nördlichen Korps der Armee v. d. Mar- 
witz, die am 25. und 26. gegen die Ancre vordran- 
gen, erfüllten den gleichen Zweck. Denn der Feind, 
der an der Somme, wo unsere Bataillone an den 
Fersen seiner weichenden Nachhuten übergesetzt waren, 
gelernt hatte, daß er die Verteidigung des Flusses 
auf das östliche Ufer vorstrecken mußte, um Zeitl für 
den Aufbau der Abwehr am westlichen Ufer zu ge- 
winnen, leistete diesmal vor der Ancre den zähesten 
Widerstand. Ohne Rücksicht auf ungeheure Verluste 
führte er aus der Stadt Albert heraus Gegenangriff 
auf Gegenangriff, trotzdem gewannen unsere Trup- 
pen langsam Boden. Dem Korps Grünert gelang es 
noch am 25., den Block des stärksten Widerstandes 
nördlich umgehend, den Fluß bei Miraumont zu lber- 
schreiten. Das Korps v. Kathen eroberte am 26. Al- 
bert. Anschließend drückte bis zum 27. die Armee 
v. Below ihre Linie um einige Meilen vor. 
So von Norden her entlastet. setzten die Armeen 
v. Hutier und v. d. Marwitz südlich von der Somme 
die Verfolgung fort, die bald wieder unter dem 
fortgesetzten Anprall neuer französischer Kräfte den 
Charakter einer ernsten, aber durchweg siegreichen 
Schlacht annahm. Am 25. traten die inneren Flügel 
der Armeen aus der wohlbestellten und blühenden 
Ebene in das wüste, von unzähligen Gräben und 
Verhauen durchzogene Gelände der alten Somme- 
schlacht über. Da sich die Hauptmarschrichtung immer 
mehr nach Südwesten kehrte, um dem wachsenden 
Widerstande der aus derselben Richtung eingesetzten 
französischen Divisionen die Brust zu bieten, gelang 
es mehrmals, den Gegner durch Vorgreifen der je- 
weils nördlichen Division zum Weichen zu bringen. 
Das Korps v. Winkler nahm die Stadt Nesle. wo 
eben Franzosen die englische Besatzung abgelöst hatten. 
Durch schwieriges Forstgebiet erkämpftesich das Korps 
v. Conta den Austritt in das Hügelland nördlich von 
Noyon. Schon am 26. ließ das Korps v. Hofacker bei 
Feuilleres und Herbecourt die Großkampfwüste hinter 
sich. Die Städte Chaulnes und Roye wurden ge- 
nommen. Noyon fiel. Der südlichste Flügel wurde 
auf den Höhen südwestlich von der Stadt verankert. 
Am 27. spornten sich die immer noch in gemischten 
Verbänden fechtenden Verbündeten zu heftigstem 
Widerstande an. Trotzdem trieben die Korps v. Wink- 
ler und v. Ottinger einen tiefen Keil südlich vom 
Avrebach vor. Monididier wurde am Abend 
erobert. 4 
I. Rriegsgeschichte 
Mit dem Fall dieser Stadt hatte die Durchbruchs- 
schlacht den Höhepunkt ihrer Auswirkung erreicht. 
Montdidier war und blieb gleichsam der Nabel des 
Einbruchs. Angriffe am 30. und 31. streckien die 
zurückhängenden inneren Flügel in gleicher Höhe. 
Die Einnahme von Moreuil brachte Areens unter 
die Reichweite unserer Langrohre. Der Erfolg des 
ersten Teiles der »Großen Schlacht in Frankreich= 
hat alle Erwartungen übertroffen und gibt dem Na- 
men innere Berechtigung. Wir n'achten 90000 Ge- 
fangene, erbeuteten 1200 Geschütze, Tausende von 
Minenwerfern und Maschinengewehren, unzählbare 
Munition, unermeßliches Gerät, unschätzbare Mengen 
eingebauten Materials. Die blutige Einbuße des 
Feindes war erheblich. Der eroberte Raum, in dem 
einer kleinen Insel gleich das Großkampfgelände der 
alten Sommeschlacht liegt, zeigt die absolute Größe 
des deutschen Sieges. 
Bie Schlacht von Armentikrest. 
Am 9. April war die Große Schlacht in Frank- 
reich mit der wohlgeglückten Frontverbesserung im 
Bogen von Chauny zum Stillstand gekommen. Am 
geichen Tage schon entflammte auf dem nördlichen 
eile der Westfront überraschend ein neuer Kampf, 
dem die Stadt Armentières den Namen gibt. Die 
teilweise Verschiebung der englischen Flandernreserven 
nach dem südlichen Kampffelee schien günstige Vor- 
bedingung, die portugiesisch-englische Fronk einzu- 
drücken, ihre Besatzung solange als möglich von der 
Teilnahme am Kampfe auszuschließen und unsere 
eigene Linie den Zufahrtswegen der englischen Flan- 
dernfront näherzurücken. 
Die Schlacht von Armentikres zerfällt in drei Teile, 
die sich örtlich und zeitlich voneinander abheben: 
1. Den ersten Stoß am 9. April führte die Armee 
v. Quast mit der Hauptmasse der eingesetzten An- 
griffskräfte auf der Linie Festubert-Armentieres 
allein. — 2. Am 10. April nahm die Armee Sixt 
v. Armin zwischen Armentières und Hollebeke 
in schwächerem Ausmaß der Kräfte den Angriff auf 
und vereinigte sich einen Tag später mit der südlichen 
Gruppe zu gemeinschaftlichem Vorgehen. — 3. In 
der Zeit vom 16.—18. April begann in Auswir- 
kung unserer Erfolge die Abbröckelung des Ppern- 
bogens, die durch unseren Nachstoß ausgebeutet 
wurde. Gleichzeitig ergünzien sich unsere Gelände- 
vorteile auf dem nördlichen Teile der bisherigen 
Kampffront zur Grundstellung für neuen planmäßi- 
gen Angriff. 1 
Die Ausgangslage für unseren ersten Stoß am 
9. April bildete unsere Grabenlinie zwischen Armen- 
tières und Festubert, die, von Südwest nach Nord- 
ost verlaufend, die Lysniederung in der Weise über- 
brückte, daß ein stirnwärts geführter Angriff nach 
Richtung und Breitenausdehnung etwa dem Teil der 
flandrischen Ebene entsprach, der zwischen dem Kem- 
mel-Höhenzuge und den Ausläufern der Kreidehoch- 
fläche des Artois nach Nordwesten streicht. Das An- 
griffsgelände war nasses Marschland, das durch Hecken 
und Gebüsch unübersichtlich gemacht wurde und durch 
eine reiche Bewässerung verschlammt war. Die feind- 
lichen Stellungsbauten waren auf dem Boden, der 
tiefere Grabenarbeiten nicht zuließ, lediglich aufgesetzt 
und daher wenig widerstandsfähig. Dagegen bot die 
1 Bgl. die Karten S. 100 und Bd. L S. 217.