Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

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v.  Kluck  den  Kampf  mit  dem  linken  Flügel  des  feindlichen
  Heeres  aus,  das  erste  Zusammentreffen  mit
großen  englischen  Verbänden  unter  General  French.
Am  22.  August  hatten  die  Engländer  nordöstlich  und
östlich  von  Maubeuge  eine  Stellung  inne,  die  von
Ath  über  Mons  bis  Binche  reichte.  Am  Abend  des
23.  zog  sich  French  auf  eine  Stellung  in  dem  Raume
Valenciennes  —  Maubeuge  zurück,  wobei  er  am  24.  in
Rückzugsgefechte  mit  den  vorgehenden  Deutschen  verwickelt
  wurde;  am  25.  gelang  es  diesen,  die  englischen
Truppen  auf  die  Linie  Cambral-Landrecies  -  Cateau
zurückzudrücken.  Obgleich  French  dort  vorbereitete
Stellungen  beziehen  konnte,  ging  er  doch  fluchtartig
auf  Vermand-St.  Quentin-Ribemont  zurück  und  zog
zur  Verstärkung  drei  französische  Territorialdivisionen
an  sich.  Aber  die  deutsche  Kavallerie  war  schneller;  es
gelang  ihr,  die  zurückflutenden  Engländer  so  lange
bufzuhallen.  bis  die  in  der  Verfolgung  begriffenen
Armeekorps  auch  herankommen  und  am  27.  bei  St.
Quentin  einen  großen  Sieg  erringen  konnten.  Die
Engländer  wurden  geschlagen  und  verloren  sieben
Feldgeschütze,  eine  schwere  Batterie  und  viele  Tausende
von  Gefangenen.

Der  Vormarsch  zur  Marnei.

So  war  bis  zum  28.  August,  dem  neunten  Tage
nach  Beendigung  des  Aufmarsches,  das  deutsche  Wes
heer  unter  fortgesetzt  siegreichen  Kämpfen  in  Frankreich
  eingedrungen,  und  der  Feind  befand  sich  auf
der  ganzen  Front  von  Cambrai  bis  zu  den  Südvogesen
  in  vollem  Rückzuge.  Mit  dem  Sieg  bei
St.  Quentin  hatte  der  rechte  Flügel  dieser  ungeheuren
Schlachtlinie  eine  Schwenkung  aus  der  wesllichen  in
die  südwestliche  Richtung  eingeleitet  und  setzte  sie  in
der  nächsten  Zeit  erfolgreich  fort,  wobei  die  Armee
des  deutschen  Kronprinzen  den  festen  Drehpunkt  bildete,
  während  die  weitesten  Märsche  der  Armee
v.  Kluck  zufielen.  Als  diese  am  29.  August  in  der  Gegend
  von  Combles  eingetroffen  war,  wurde  sie  von  der

ei  Amiens  neu  aufgestellten  Armee  Maunoury  in
der  rechten  Flanke  angegriffen;  dieser  Angriff  wurde
abgewiesen  und  erreichte  keine  Verzögerung  des  Vormarsches.
  Obgleich  die  Engländer  in  der  Zwischenzeit
weit  hinter  St.  Quentin  zurückgewichen  waren,  machten
  die  Franzosen  noch  den  Verstch,  sich  in  der  Gegend
dieses  Stützpunktes  zu  halten,  zu  welchem  Zweck  sie
an  dieser  Stelle  vier  Armeekorps  und  drei  Reservedivisionen
  gusammengezagen  hatten.  Am  31.  August
gelang  es  indessen  der  Bülowschen  Armee,  an  der
Oise  diese  Kräfte  vollständig  zu  schlagen,  während  zur
selben  Zeit  die  Armee  H#sen  bis  Rethel  über  die
Aisne  vordrang,  und  auch  der  Herzog  von  Württemberg
  im  Vormarsch  auf  die  Aisne  begriffen  war.  Die
Armee  des  deutschen  Kronprinzen  überschritt  zu  dieser

eit  die  Maas  unter  schwersten  Kämpfen  zwischen
Stenay  und  Dun.

Unter  dem  Druck  der  auf  der  ganzen  Linie  siegreichen
  deutschen  Truppen  waren  in  der  Zwischenzeit
nun  auch  die  von  den  Franzosen  zum  Schutz  wichtiger
  Bahnlinien  angelegten  Sperrforts  und  Befestigungswerke
  mit  der  einzigen  Ausnahme  von  Maubeuge
  gefallen.  Das  Fort  Les-Ayvelles  mußte  sich
schon  am  25.  August  ergeben.  Am  31.  fiel  Givet.
Die  kleine  Feste  Hirson  wurde  vom  Feinde  gesprengt,
Condé  konnte  ohne  Kampf  besetzt  werden,  und  wenig
  später  kamen  auch  die  als  zweite  Verteidigungs-1

  Vgl.  die  Karte  B-Bd.  1,  S.  172.3.

I.  Kriegsgeschichte

linie  angelegten  Festungen  Laon  und  La  Fere  in
deutsche  Läne:  Aus  der  großen  Industriestadt  und
Festung  eille  wurde  um  diese  Zeit  die  50000  Mann
starke  Besatzung  zur  notwendig  gewordenen  Verstärkung
  der  Feldtruppen  herausgezogen.

In  weiterer  Verfolgung  der  in  den  letzten  Tagen
des  August  erfochtenen  Siege  führten  die  fünf  deutschen
  Armeen  des  rechten  Flügels  ihre  Schwenkung
planmäßig  in  der  Weise  fort,  daß  der  rechte  Flügel
gegen  Paris,  die  anschließende  Front  gegen  die  Marne

erichtet  war;  am  1.  September  standen  sie  in  einer
inie,  die  sich  von  dem  nur  65  km  von  Paris  entfernten
  Compiègne,  nördlich  an  Reims  vorbei  bis
in  die  Gegend  von  Verdun  erstreckte.  Der  Vormarsch
wurde  gegen  die  Marne  und  den  Ornain  unter  heftigen
  Kämpfen  mit  feindlichen  Nachhuten  fortgesetzt.

Mitder  Absicht,  einen  Angriff  auf  die  Festung  Reims
vorzubereiten,  trafen  am  3.  Sept.  Teile  der  Armee
Hausen  ein  u.  besetzten  die  vom  Feinde  jedoch  mittlerweile
  geräumte  Stadt.  Die  Klucksche  Kavalleriestreifte
bis  Paris,  der  ganze  rechte  Flügel  des  deutschen  Westheeres
  hatte  die  Aisne  Überschritten  und  befand  sich
auf  dem  Vormarsch  gegen  die  Marne.

Paris  war  bedroht;  eilig  trafen  die  Franzosen  Vorbereitungen,
  ihre  Hauptstadt  zu  verteidigen  und  zu
verproviantieren.  Die  Regierung  verlegte  in  der  Nachr
zum  3.  September  ihren  Sitz  nach  Bordeaux.

Den  deutschen  Waffen  war  unterdessen,  unterstützt
durch  österreichische  Motorbatterien,  wiederum  ein
schöner  Ersolgz  beschieden.  Am  7.  September  mußte
die  im  Rücken  der  Feldarmee  liegengebliebene  Festung
Maubeuges  kapitulieren.  Mit  seinen  Forts  sperrte
Maubeuge  den  Eisenbahnverkehr  zwischen  Namur  und
St.  Quentin,  weshalb  die  baldige  Eroberung  des
Platzes  von  großer  Bedeutung  war-  Bereits  am  27.
August  war  Maubeuge  von  General  v.  Zwehl  eineschlossen

  worden.  Am  Abend  des  6.  September
hatten  die  deutschen  schweren  Geschütze  die  Forts  und
auch  die  Zwischenstellungen  des  Feindes  derartig  erschüttert,
  daß  die  Infanterie  den  nördlichen  Abschnitt
in  Besitz  nehmen  konnte.  Mit  der  Aufgabe,  die  südöstlichen
  Werke,  hauptsächlich  Fort  Cerfontaine,  niederzuhalten
  und  an  der  Hilfeleistung  gegen  den  Hauptangriff
  zu  hindern,  waren  unterdessen  die  österreichischen
  Motorbatterien  beauftragt  gewesen;  fie  hatten
aber  darüber  hinaus  am  4.  September  bereits  Cerfontaine
  mit  dem  Zwischenwerk  de  Rocq  und  am  6.  das
Werk  Ferriere  vernichtet,  so  daß  auch  an  dieser  Front
jeder  Widerstand  gebrochen  war.  Am  8.  September
wurde  die  Festung  bedingungslos  übergeben;  40000
Mann  nebstvier  Generalen  gerieten  in  Gefangenschaft.

General  Joffre,  der  sein  Houptauartier  in  Bar  sur
Aube  aufgeschlagen  hatte,  entschloß  sich,  zur  Entscheidungsschlacht
  anzutreten,  als  die  deutsche  1.  Armee
an  Paris  vorbei  nach  Süden  abschwenkte,  ohne  zu
ahnen,  daß  in  ihrer  Flanke  die  soeben  neuformierte
6.  franz.  Armee  sich  mit  Gallienis  Besatzungstruppen
von  Paris  vereinte.  Zwischen  den  Eckpfeilern  Paris
und  Verdun  wollte  sie  in  riesenhafter  Umklammerung
den  Feind  fassen  und  schlagen.  Maunourys  6.  Armee
sollte  vereint  mit  Gallieni  in  Klucks  offne  Flanke  stoßen.
French,  der  seine  Engländer  bis  über  die  Seine  zurückgenommen
  hatte,  wurde  r-*  Klucks  rechten,  die
5.  Armee,  jetzt  unter  Franchet  d'Espereys  Führung  gestellt,
  *  essen  linken  u.  Bülows  rechten  Flügek  angesetzt.
  Das  Zentrum  bildete  die  neuformierte  9.  Armee

1  Vgl.  den  Kriegsbericht  Bd.  1,  S.  186  ff.