Full text : Fürst Bülows Reden. 2. Band 1903-1906. (2)

368  Auhang.

von  Ihrem  Verein  war  man  berechtigt,  Vorzügliches  zu  erwarten.  Sie
haben  diese  Erwartungen  aber  noch  übertroffen,  und  wenn  ich  eine
Zensur  auszuteilen  hätte,  so  würden  Sie  la  bekommen.  Das  ist  wenigstens
  die  Ansicht  meiner  Frau,  auf  die  ich  in  musikalischen  Dingen
gern  requiriere.  Von  Musik  verstehe  ich  selbst  nicht  viel.  Wo  das
musikalische  Gebiet  beginnt,  hört  bei  mir  das  eigene  Urteil  auf.  Wenn
ein  Minister  eine  Sache  nicht  kennt,  dann  holt  er  sich  einen  Geheimen
Hofrat.  Mein  Geheimer  Hofrat  ist  in  musikalischen  Dingen  meine  Frau,
und  ich  habe  das  größte  Vertrauen  zu  ihr.  Sie  war  von  Ihrem  Ge—
sange  ganz  entzückt.

Was  ich  aber,  meine  Herren,  sehr  wohl  verstehe  und  zu  würdigen
weiß,  das  ist  die  freundliche  Gesinnung,  die  Sie  zu  mir  geführt  hat,
und  womit  ich  ganz  einverstanden  bin,  ist,  daß  Sie  nach  Norderney
gekommen  sind;  denn  ich  bin  schon  ganz  Norderneyer  geworden;  ich
freue  mich  über  jeden  Gast,  der  auf  der  Insel  landet;  aber  über  die
Rheinländer  und  über  die  Kölner  freuen  wir  uns  ganz  besonders.
Denn  mit  dem  Rhein  und  mit  der  Stadt  Köln  ist  es  etwas  ganz  Besonderes.


Der  Rhein,  dessen  Reize  Sie  so  schön  besungen  haben,  der  Rhein
ist  uns  allen  sehr  ans  Herz  gewachsen,  und  die  Stadt  Köln  haben  wir
alle  gern.  Sie  haben  den  Kölner  Dom,  das  herrlichste  Gotteshaus  im
deutschen  Lande  und  in  der  ganzen  Welt,  und  Ihren  schönen  Karneval,
den  hat  keine  andere  Stadt,  und  Sie  haben  die  Flora  und  das  „Kölnische
  Wasser“  und  die  Kölnischen  Jungen.  Aber  Sie  haben  auch  ein
mächtiges,  emporstrebendes  Gemeinwesen  in  Köln,  der  Metropole  am
Niederrhein.  Die  Kölner  Bürgerschaft  zeichnet  sich  vor  allem  aus  durch
echt  deutsche  Gesinnung.  Das  war  schon  vor  30  Jahren  der  Fall,  als
ich  in  Bonn  weilte,  nahe  bei  Köln,  und  daß  das  heute  noch  so  ist,  das
haben  die  Worte  bewiesen,  die  Sie  an  mich  gerichtet  haben.

Meine  Herren,  das  deutsche  Lied  hat  eine  bedeutsame  Rolle  gespielt
in  der  Geschichte  der  deutschen  Einigung.  Es  ist  ein  einigendes  Bindeglied,
  ein  Bindemittel  gewesen  zwischen  den  deutschen  Stämmen,  und
als  uns  vor  hundert  Jahren  die  Fremden  alles  genommen  hatten,  das
deutsche  Lied  mußten  sie  uns  lassen,  und  das  hat  dazu  beigetragen,  Haß,
Zwietracht,  Mißgunst  und  Neid  niederzuringen.  Halten  Sie  fest  am
dentschen  Lied,  seine  Aufgabe  ist  noch  nicht  erschöpft,  noch  nicht  erfüllt.

Und  so  hoffe  ich,  daß  es  Ihnen  wohlgefallen  möge  hier  in  Norderney
und  daß  sie  gern  wiederkommen  an  das  Gestade  der  Nordsee.  Sie