September 1908. 309
lieb. Es stellt eben jene Apotheose Bismarcks dar, deren Zeugen wir alle
sind. Riesengroß in die Höhe ragt dieses Denkmal. Von weit her sieht
man es im Hafen und am Strom. Es winkt aus der Ferne allen, die sich
zu Wasser Hamburg nahen. Es ist, als ob dieser Bismarck Deutschland unter
seine Fittige nehme. Der Künstler hat in ihm den Schutzgeist des Vaterlandes
verewigt. Vielleicht schwebte ihm der Gedanke vor, wie er einst
im Parthenon verwirklicht war. Den Schiffern, die vom Vorgebirge von
Sunion her auf Athen zusteuerten, zeigte sich schon aus der Ferne von der
Akropolis aus, Attika beherrschend, die Statue der Pallas Athene Promachos,
der Schutzgeist der Stadt Athen.“
Die Rede kommt auf den Reichstag. Der Fürst sagt: „Die Parlamentarier
werden bei uns durchschnittlich nicht alt. Das parlamentarische Leben
wirkt eben sehr aufreibend. Es ist offenbar anstrengender, Abgeordneter
zu sein, als Gesandter oder Botschafter. Schon die Arbeit in den Kommissionen
spannt alle Kräfte an. Lieber, Reventlow, Sattler, Klinkowström,
Eugen Richter, der Sozialdemokrat Schönlank — sie sind alle verhältnismäßig
sehr früh gestorben. Nicht zu vergessen meines lieben Freundes,
des Prinzen Arenberg, mit dem ich einst gleichzeitig das Referendareramen
abgelegt habe, im Regiment in Bonn und später in Metz zusammen war.
Sein Tod ist mir sehr nahe gegangen."“
Die Fürstin bemerkt: „Es mögen wohl auch die oft schlechte Luft im
Sitzungssaal und die Hitze dort dazu beitragen, daß die Herren an ihrer
Gesundheit Schaden nehmen“.
Der Fürst meint: „Das vielleicht nicht so sehr — aber wohl mehr die
Unregelmäßigkeit der Lebensweise, welche die parlamentarische Arbeit
mit sich bringt."“
„Es ist eine schwere Aufgabe“, sagte der Fürst dann, „das parlamentarische
Leben und die Gebote der Hygiene miteinander zu vereinigen.
Unregelmäßig leben, mit Hast das Mahl hinunterschlucken, um im Sitzungssaale
nichts zu versäumen, wie soll das gesund sein? Dazu kommt, daß
der Parlamentarier alle Nerven anspannen muß, um im gegebenen Augenblick
schlagfertig in die Diskussion einzugreifen, die nicht seltene selbstlose
Verschwendung von Temperament an große Dinge, doch auch an Nichtigkeiten.
all das zehrt am Mark des Daseins. Die Jahre, im Parlament
hingebracht, könnten bisweilen wie Kriegsjahre doppelt angerechnet werden.
Ich hatte noch nicht lange das relative Stilleben von Rom mit dem Ministerposten
in Berlin vertauscht, als ich eines Tages zusammen mit Eugen
Richter den Saal der Kommissionsberatung verließ. Da warnte er —
schon damals etwas müde und abgehetzt von seinem jahrzehntelangen,