Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Die Holsteinsche Frage. Geschäftsstille. Beusts Reformoorschläge. 255 
dänischer Seite liegen, benehmen uns die Möglichkeit, diefelbe so anzufassen und zu hand- 
baben, daß die für Deutschland erhobenen Erfolge nach ihrem Maße und ibrer Schnellig- 
keit auch nur annähernd mit den Erwartungen und Sorderungen der öffentlichen Meinung 
Schritt halten könnten. Von Enttäuschungen der letzteren wird die nächste Entwickelung 
der Angelegenbeit unter allen Umständen begleitet sein, und wenn die Lage der Dinge die- 
selbe bleibt, wie jetzt, so wird es kaum neuer Anstrengungen Österreichs bedürfen, um die 
Gerantwortung für jeden mangelhaften oder unwillkkommenen Erfolg auf uns fallen zu 
assen. 
Von meinen Kollegen sind nur wenige bisher anwesend, Graf Montessuy begibt sich 
morgen früh nach Paris. Sch denke morgen oder übermorgen von hier nach Berlin und 
von dort, E. E. gen. Erlaubnis gemäß, nach Dommern zu reijen, und werde mir dabei die 
Ebre nebmen, E. E. perfönlich meine Aufwartung zu machen. Mit der ausgezeichnetsten 
Hochachtung 
224. Materialien zur Erwiderung der Auslassung des Wiener 
Kabinetts über die Vorschläge des Herrn v. Beust 
zur RKeform des Bundes. 
[Konjept.) 
1. Oktober 1887. 
Der Erlaß des Grafen Buol vom 6. September c. an Herrn von Koller bebt zuvörderst 
bervor, daß die diesseitigen, nach Wien gelangten Auslasfungen sich allein auf eine Er- 
wägung der inneren Verfassungszustände des Deutschen Bundes bejieben, während die 
Kaiserliche Regierung vorzugsweise in der von dem sächsischen Minister ebenfalls an- 
geregten Pflege der materiellen Interessen einen Segenstand erböhter Tätigkeit des 
Bundes seben zu wollen scheine. 
Die K. Regierung hat allerdings die wichtigsten Gegenstände, mit welchen eine Re- 
form der Verfassung und der Tätigkeit des Deutschen Bundes lich befassen könnte, auf 
einem Selde höherer Ordnung gesucht, als auf dem der Pflege der materiellen Interessen. 
Der hauptsächlichste und unmittelbar als solcher bezeichnete Sweck des Deutschen Bundes 
ist die Erbaltung der äußeren und inneren Sicherbeit Deutschlands. Sollte die Kaiser- 
liche Regierung, wie aus dem Erlasse vom 6. September leicht gefolgert werden könnte, 
die Pflege der materiellen Interessen in erster Linie als Mittel zur Erreichung dieses 
ZSweckes anseben, so müßten wir darin eine Unterschätzung der Aufgabe des Bundes lo- 
wohl, als der Bedürfnisse und des Charakters des deutschen Volkes erblicken. Die letzten 
Dezennien, welche dem Jahre 1848 vorbergingen, jeichneten sich vor jeder anderen Epoche 
durch erfolgreiche Pflege und blühendes Sedeihen der materiellen Interessen aus, und 
nichtsdestoweniger haben die Tatsachen den Beweis geliefert, daß auf diesem Boden die 
notwendigsten Grundlagen der inneren und äußeren Sicherbeit Deutschlands, die Eintracht 
der Regierungen unter sich und mit ihren Bölkern nicht gesichert werden konnten, und wir 
können auch jetzt nicht ohne Sorge für die Sukunft in einzelnen Bundesstaaten politische 
Spfteme sich entwickeln sehen, welche allein in einem ohnebin von weifelbaften Erfolgen 
begleiteten Streben der Regierungen nach Sörderung der materiellen önteressen eine aus- 
schließliche Bürgschaft für die Sicherheit Deutschlands zu suchen scheinen. Wenn auf dem