128 Jas Veutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (November Mitte—20.)
kannt werden, bevor das Offizierkorps nicht die Elemente, die gegen Gesetz
und Sitte verstießen, ausschlösse. — Am 19. November sprechen die Abgg.
Graf Bernstorff (RP.) und Rickert (frs. Vg.) gegen die Duldung des
Duells. Rickert wünscht keine Verschärfung der Strafen für Beleidigung,
aber eine Beschränkung der Begnadigungen von Duellstrafen. Abg. Lenzmann
(frs. Vp.) greift den Kriegsminister v. Goßler heftig an wegen seiner
Ausführungen über die Notwehr und Siepmann. Abg. Graf Mirbach
(konf.): Es sei augenblicklich unmöglich, das Duell zu beseitigen. Vom religiösen
Standpunkt aus läßt sich das Duell nicht verteidigen. Wenn alle
Leute den christlichen Standpunkt als maßgebend ansehen würden, gäbe es
keinen Anlaß zum Duell. Es gibt Fälle in der Ehe und Familie, bei
welchen man nicht dem Gebote der Religion folgen kann. „Mögen Sie
noch so drakonische Strafen einführen; mögen Sie eine Vermögenskonfiskation
oder eine Expatriirung als Strafe einführen: ich würde lieber als
Zuchthäusler und Bettler dem Vaterlande den Rücken kehren, als mir in
solchen Fällen nicht selbst Satisfaktion verschaffen.“ Gegen das Duell
sprechen noch die Abg. Conrad (deutsch. Bp.) und Schultze (Soz.), Preuß.
Justizminister Schönstedt tritt dem Abg. Lenzmann entgegen.
Mitte November. Die deutsche Presse weist einmütig die
Angriffe englischer Staatsmänner und Zeitungen auf Deutschland
ab (vgl. Großbritannien).
18. November. Handelspolitik. Abkommen mit Frankreich
über Tunis.
Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und der französische Botschafter
unterzeichnen ein Abkommen, welches nach Analogie der von Frankreich
mit anderen Ländern, insbesondere mit Italien und Oesterreich-Ungarn
geschlossenen Verträge, der deutschen Einfuhr in Tunis die Behandlung der
meistbegünstigten Nation mit Ausnahme Frankreichs sichert.
19. November. (Wernigerode.) Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode,
Präsident des Preußischen Herrenhauses, 59 Jahre
—
19.20. November. (Berlin.) Delegiertentag der deutschkonservativen
Partei.
Die Versammlung spricht sich nach Vorträgen der Abgg. v. Manteuffel,
Graf Limburg-Stirum, Graf Mirbach, Felisch, Jakobskötter, v. Arnim,
für einen kräftigeren Schutz der Landwirtschaft und des Handwerks
durch den Reichstag als bisher aus, erkennt aber das thatkräftige Vorgehen
der Einzelstaaten in dieser Richtung dankbar an. Der Antrag Kanitz wird
als undurchführbar bezeichnet. Ueber die Sozialreform wird folgender Beschluß
gefaßt: „1. Der Delegiertentag der deutschen konservativen Partei
stellt auch heute, wie es in dem Programm vom 8. Dezember 1892 geschehen
ist, die Erweckung, Erhaltung und Kräftigung der christlichen Lebensanschauung
an die Spitze seiner Aufgaben. Er erachtet den Kampf gegen
die Sozialdemokratie als eine Hauptaufgabe der Parteien und der Regierung.
Dem verhetzenden Treiben gewerbemäßiger Agitatoren, die jede
göttliche und weltliche Autorität untergraben und die durch den Mißbrauch
politischer Freiheiten auf Zerstörung der christlichen Gesinnung im Volke
hinarbeiten, muß durch energische Handhabung staatlicher Machtmittel ein
Ziel gesetzt werden. Der Delegiertentag hält es besonders für geboten, dem