Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1918 (5)

88

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

Gewalt,  und  wie  das  Papstthum  sich  in  weiterer  Consequenz  gezeigt  hat,
ist  bekannt.  Nicht  etwa  die  beruhigende  Einwirkung  dieser  Geistlichen  auf
ihre  Wähler,  sondern  das  Ministerium  Brandenburg,  die  königliche  Armee
war  es,  welche  die  Ordnung  wieder  herstellte.  Der  Staat  war  doch  schließlich
  genöthigt,  sich  selber  zu  helfen.  Der  Schutz,  den  sie  den  Königen  gewährt
  haben,  war  nicht  ausreichend;  aber  es  war  eben  ein  modus  vivendi,
unter  dem  wir  eine  Anzahl  Jahre  in  einem  freundlichen  Verhältnisse
gelebt  haben.  Allerdings  war  dieser  modus  vivendi  doch  nur  durch  eine
ununterbrochene  Nachgiebigkeit  des  Staates  erkauft,  indem  er  die  Wahrnehmung
  der  Rechte  der  katholischen  Kirche  ganz  rückhaltlos  in  die  Hand  einer
Behörde  gelegt  hatte,  die  zwar  zur  Wahrnehmung  der  Rechte  Preußens  gegenüber
  der  römischen  Herrschaft  eingesetzt  worden,  die  aber  schließlich  eine  Behörde
  geworden  war,  welche  die  Interessen  des  Papstthums  zunächst  im  Auge
hatte;  ich  meine  natürlich  die  katholische  Abtheilung  des  Cultus-Ministeriums.
Wer  die  Dinge  etwas  näher  gekannt  hat,  der  hat  wohl  schon,  wie  auch  ich,
sich  häufig  der  Besorgniß  hingegeben,  daß  dieser  Friede  nicht  von  Dauer
sein  wird.  Allein  bei  längerer  Abneigung  gegen  jeden  Kampf  und  Streit
habe  ich  dann  diesen  Frieden  mit  allen  seinen  Nachtheilen  dem  Kampfe  vorgezogen
  und  habe  meinerseits  dem  Kampfe  entsagt,  wenn  von  anderer  Seite
nicht  zum  Kampfe  gedrängt  wurde.  Ja,  es  hat  vielleicht  kaum  einen  Moment
gegeben,  wo  man,  abgesehen  von  allen  übrigen  Folgen,  die  Regierung  mehr
geneigt  gesehen  hätte  zum  Frieden  mit  der  römischen  Curie,  als  gerade  am
Schluß  des  französischen  Krieges.  Es  sind  hierüber  im  anderen  Hause
Unwahrheiten  behauptet  worden.  Jedem,  der  mit  uns  in  Frankreich  gewesen
ist,  ist  bekannt,  daß  uns  während  des  ganzen  Krieges  Eines  verstimmte,  das
war  die  Haltung  des  Königs  von  Italien,  bei  dem  nach  unserer  Ansicht  die
Liebe  zu  dem  französischen  Volke  stärker  war  als  die  Wahrnehmung  der
Interessen  seines  Landes.  Die  Italiener  hätten  mit  uns  gemeinsam  ihre
Unabhängigkeit  gegen  Frankreich  vertheidigen  müssen;  aber  es  war  eine  sehr
auffallende  Erscheinung,  daß  damals  in  dieser  verzweifelten  Lage  uns  thatsächlich
  italienische  Truppen  gegenüberstanden,  was,  wie  wir  glaubten,  mit
mehr  Nachdruck  hätte  verhindert  werden  können.  Kurz,  es  war  eine  offenkundige
  Verstimmung  zwischen  der  italienischen  und  deutschen  Politik  in
Europa  zu  Tage  getreten;  wir  waren  also  weit  entfernt,  aus  irgend  einer
Vorliebe  für  Italien  in  unserer  inneren  Politik  etwas  gethan  zu  haben.
Als  ich  mich  noch  in  Versailles  befand,  überraschte  es  mich  einiger  Massen,
daß  an  die  katholischen  Mitglieder  der  parlamentarischen  Körperschaft  eine
Aufforderung  erging,  sich  darüber  umgehend  gegen  Bischof  Ketteler  zu  erklären,
  ob  sie  einer  katholischen  Fraction  beizutreten  entschlossen  seien,  und
ob  sie  sich  dazu  verstehen  wollten,  bei  Angelegenheiten  der  innern  Reichspolitik
  dafür  zu  stimmen  und  darauf  hinzudrängen,  daß  diese  Paragraphen,
um  die  es  sich  heute  handelt,  in  die  Reichsverfassung  hineingebracht  werden.
Mich  erschreckte  dieses  Programm  damals  noch  nicht  so  sehr,  um  so  weniger,
als  ich  wußte,  von  wem  es  ausging;  von  einem  hochgestellten  Kirchenfürsten,
welcher  die  Aufgabe  hat,  nach  dem  Programm  der  päßstlichen  Politik  zu
wirken;  der  eben  darin  seine  Aufgabe  erfüllt  hat,  und  es  war  außerdem  von
einem  Mitgliede  der  Centrumspartei,  dem  früheren  preußischen  Bundestagsgesandten
  Herrn  v.  Savigny,  diese  Bewegung  vorzugsweise  eingeleitet,  von
dem  ich  nicht  glaubte,  daß  sein  Einfluß  sich  wesentlich  gegen  die  Regierung
richten  würde.  Ich  führe  nur  die  Gründe  an,  warum  ich  der  Bewegung
damals  diese  Bedeutung  noch  nicht  beilegte,  und  daß  ich  nach  Deutschland
zurückgekommen  war  mit  der  Ueberzeugung,  es  ließe  sich  auch  mit  dieser
Partei  und  ihren  Bestrebungen  leben.  Als  ich  nun  hieher  kam,  sah  ich
allerdings,  wie  stark  die  Organisation  dieser  Partei  der  kämpfenden  Kirche
gegen  den  Staat  inzwischen  geworden  war,  und  ich  sah  die  Fortschritte  der
katholischen  Abtheilung  im  Cultus-Ministerium  auf  dem  Gebiete  der  Be-