Full text: Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

der Zellbildung, der Sexualität, der Vererbung eic. so manches Licht geworfen haben. Unter den botanischen Forschern haben 
sih in dieser Hinsicht besonders Strasburger und Guignard verdient gemacht. 
Neben der intensiven Beobachlung der einzelnen Zelle und ihres Plasmaleibes wurde auch die Untersuchung der Zeilverbände, 
der Gewebesysteme des Pilanzenkörpers nicht vernachlässigt. Seil Mohl und Unger wurde eine Fülle von neuen Chafsachen 
zu Cage gelörderi — Mägeli, Banstein, $anio, Graf Solms, varı Cieghem seien hier aus einer arossen Anzahl von Forschern 
hervorgehoben — und 1877 fand die Eniwickelung der rein deskriptiven Pflanzenanatomie in de Barys „vergleichender 
Anatomie” einen gewissen Abschluss. Wenige Jahre vorher (1874) war aber bereils von Schwendener durch den Nachweis 
des mechanischen Gewebesystems der Monokotylen eine neue Richtung in der pflanzenanatomischen Forschung angebahnt 
worden, die sich das Uersiändnis des Zusammenhanges zwischen Bau und Funktion der einzelnen Gewebesysieme zur 
Aufgabe stellt. Es ist dies die „physiologische Pflanzenanatomie“, deren bisherige Ergebnisse @, Baberlandi zusammen- 
fassend dargestellt hat. 
Die Physiologie der Pflanzen hatte gleich zu Beginn des Jahrhunderts einige höchst wichtige Entdeckungen zu verzeichnen: 
Ch. de Saussure erkannte 1804 die Unenibehrlichkeit der Stickstoffverbindungen und der Mineralbestandieile für die Ernährung 
der Pilanzen, und A. Knigih lielerie 1806 durch seinen berühmt gewordenen Rotationsversuch den Nachweis, dass der verfi- 
kale Wuchs der Stämme und Bauptwurzeln durch die Schwerkraft veranlasst wird. Die Ernährungslehre machte aber erst 
gegen die Mitte des Jahrhunderts raschere Fortschritte; Liebigs krilisch sichtender Chätigkeit, die in der Widerlegung der 
sogenannten Dunmstheorie gipfelte, Tolgien Boussingaulis Vegetationsversube über die Stickstoffguellen der Pflanzennahrung, 
und in den sechziger Jahren waren die Untersuchungen von J. Sachs über die Stoffmelamorphosen und Stoflwanderungen 
in der Pflanze grundlegend für unsere heuligen Anschauungen auf diesem Gebiete. — Das vorhin erwähnte Kuiaibsche 
Experiment bildete den Ausgangspunkt für die Jahrzehnte hindurch fortaeselzten Versuche, die Lebenserscheinungen, speziell 
die verschiedenarfigen Bewegungen der Pflanzenorgane rein physikalisch zu erklären, Eine wesentliche $tütze fanden diese 
Bemühungen in der Enideckung der Endosmose durch Dutrochei (1826), die von ihm zur Erklärung der verschiedenarligsten 
Lebensvorgänge herangezogen wurde. Allerdings sind erst ein halbes Jahrhundert später durch die Untersuchungen Pfeffers 
und de Uries“ die osmotischen Vorgänge in der Pflanze im ihrer Bedeutung richfig erkannt umd gewürdigt worden. Jene 
physikalischen Erklärungsversuche halten zwar das arosse Verdienst, die Annahme einer besonderen Lebenskraft energisch 
bekämpft zu haben, allein je reicher das experimentelle Chatsachenmaterial anwuchs — Sachs, Pieifer, de Uries, Vöchting, 
Wiesner, Stahl, Frank u. a. hatten sich bei dieser Arbeit in hervorragender (Weise befeiligt —, desto mehr brach sich die 
Ueberzeuaung Bahn, dass die Lebensvorgänae grösstenteils von einer Komplizieriheit sind, welche eine kausalmechanische 
Erklärung derzeit vollkommen ausschliesst. Man begnügt sich gegenwärlig, die Erscheinungen des @eotropismus, des Belio- 
tropismus u. 5. w. als „Reizerscheinungen” aufzufassen, die in einer spezifischen, jenseits der Arenzen der mikroskopischen 
Wahmehmbarkeit gelegenen „reizbaren Struktur“ des lebenden Protoplasmas begründet sind. In neuerer Zeit haben sich 
namentlich Sachs und Pieffer um die Ausführung dieses wissenschaftlichen Gedankens Verdienste erworben. 
Die jüngste Disziplin der Botanik, die Pilanzengeographbie, ist durchaus ein Kind des 19. Jahrhunderis. Zu Anfang desselben 
von A. v. Bumboldt begründet, ist sie in den folgenden Dezennien von Schouw, Wahlenberg, A. de Zandolle, Martius und 
Sr. Unger mannigfady gefördert worden. Doc; erst in den letzten drei Jahrzehnten ist durch die schärlere Belonung des 
historischen Besichtspunktes dur Engler, der biologischen und physiologischen Grundlagen durch Griesebach, Kerner, 
Warming, Volkens und A. F. W. Schimper, eine wesentlihe Vertiefung dieses Wissensgebietes eriolgl. Um Deuischlands 
Pfianzengeograpbie bat sich in neuerer Zeit besonders Drude verdienstlih acmacht. 
An dem mächligen Aulblühen der Botanik im verflossenen Jahrhundert, das bier nur in den tlüchligsten Umrissen skizziert 
werden konnfe, hat die grossariige Vervollkommnung der äusseren Bilismittel der Forschung wesentlich mitgewirkt. Uor 
alleın sind botanische Instilufe gegründet worden, wodurd die botanischen Gärten ihre notwendige Ergänzung und Aus- 
gestaltung erfahren haben. Es ist ein charakteristisches Zeichen des modernen Beiriebes der Wlissenschall, dass eines der 
grössten und eigenarligsten botanischen Institute der Gegenwart, s’Lands planteniuin zu Buitenzorg auf Java, dank der 
Bemühungen seines Direktors, Prof, Dr. MM. Treub, am Ende des Jahrhunderis zu einem internationalen Sammelpunkte der 
botanischen Forscher aller Kulturnationen geworden ist. . Prof. Dr. 8. Baberlandi. 
    
  
  
  
  
  
Die Ayslsgie D): Zoologie des 19. Jahrhunderts übernahm vom achizehnten neben der seit Linne nie rubenden systematischen Arbeit vor allem 
von Prof. AF’die kaum erst begründete „vergleichende Anatomie“, d. b. die Erforschung des inneren und äusseren Baues der Ciere, 
Dr, August an und für sich und in Bezug auf ihre Formverwandischall beirachlet. Wenn auch dieses Thema nie ganz auszuschöpfen 
Weismann. sein wird, so haben doch zahllose Untersuchungen schon bis heute alle irgendwie bedeuwisamen Gruppen des Cierreichs, von 
den höchsten herab bis zu den niedrigsten dergestalt durchiorscht, dass die Baupisache nach dieser Richlung als gefhan 
befrachtet werden darf. 
Nicht viel anders steht es mil der Entwickelungsgeschichte, einem Forschungsgebiet, das erst in dem Jahrhundert selbst wurzelt. 
es scheint fast unglaublich, dass die meist so lange und komplizierte Formenreihe, welche die Entwickelung im Ei aus- 
macht, für eine last ebenso grosse Zahl von Arten bis ins einzelste hinein verfolgt werden konnge, wie der Bau der fertigen 
Ciere. Allerdings wurde dies auch nur dadurdy möglich, dass der Untersuchung ganz neue Bilien erwuchsen, vor allem 
die Methoden der Färbe- und Schneidetechnik, welche es erlaubten, auch die kleimsien tierischen Körper in ganze Serien 
feinster Schnitte zu zerlegen und vor dem mikroskopischen Auge auszubreiten. 
  
Wissenschall $0