Contents : Unser Preußen.

298  Dritter  Zeitraum.

gegen;  Napoleon  verließ  seinen  Wagen,  und  beide  setzten  sich  vor  einem  am  Wege
stehenden  Weberhäuschen  nieder.  Bismarck  lehnte  es  ab,  über  die  Kapitulation,  und
Napoleon,  über  den  Frieden  zu  verhandeln;  der  inzwischen  benachrichtigte  König  aber
wollte  den  Kaiser  vor  Abschluß  der  Kapitulation  nicht  sprechen.  So  blieb  Wimpffen
nichts  weiter  übrig,  als  darein  zu  willigen,  daß  seine  ganze  Armee  in  Kriegsgefangenschaft
  geriet  und  nur  die  Olfzziere  auf  Ehrenwort  entlassen  wurden.  Um  ein  Uhr  traf
König  Wilhelm  auf  dem  Schlosse  Belleovuc  mit  Napoleon  zusammen.  Er  war  tief  ergriffen,
  als  er  den  noch  vor  kurzem  so  mächtigen  Kaiser  ganz  gebrochen  und  als  seinen
Gefangenen  vor  sich  sah.  Zum  Wohhnsitze  bestimmte  er  ihm  das  Schloß  Wilbelmshöhe
bei  Kassel;  eine  deutsche  Ehrenwache  begleitete  den  Gefangenen  bis  an  die  belgische
Grenze,  dort  erfuhr  er  schon  die  Nachricht  von  dem  Ausbruch  der  Revolution  in  Paris.

Am  Nachmittag  besuchte  der  greise  König  seine  Truppen.  „Kinder,“  sprach  er,
„ich  danke  euch  für  eure  Tapferkeit.  Aber  der  Krieg  ist  noch  nicht  aus:  ich  führe  euch
nach  Paris!“"  Endloser  Jubel  war  die  Antwort  und  begleitete  den  geliebten  Feldherrn
  auf  seinem  fünfstündigen  Ritt  von  Lager  zu  Lager.  Bei  der  Abendtafel  ergriff
der  dankbare  König  das  Glas  mit  den  Worten:  „Wir  müssen  auf  das  Wohl  meiner
braven  Armee  trinken.  Sie,  Kriegsminister  von  Roon,  haben  unser  Schwert  geschärft:;
Sie,  General  von  Moltke,  haben  es  geleitet,  und  Sie,  Graf  von  Bismarck,  haben
seit  Jahren  durch  die  Leitung  der  Politik  Preußen  auf  seinen  jetzigen  Höhepunkt  gebracht!“
  Seiner  Gemahlin  hatte  der  König  schon  am  1.  September  den  glücklichen
Ausgang  der  Schlacht,  am  2.  den  Abschluß  der  Kapitulation  gemeldet  und  demutsvoll
hinzugefügt:  „Welch  eine  Wendung  durch  Gottes  Führung!“  Am  folgenden
Tage  schrieb  er  der  Königin;  „Es  ist  wie  ein  Traum,  selbst  wenn  man  es  Stunde
für  Stunde  hat  abrollen  sehen!  Ich  beuge  mich  vor  Gott,  der  allein  mich,  mein
Heer  und  meine  Mitverbündeten  ausersehen  hat,  das  Geschehene  zu  vollbringen,  und
uns  zu  Werkzeugen  seines  Willens  bestellt  hat.  Nur  in  diesem  Sinne  vermag  ich
das  Werk  aufzufassen  und  in  Demut  Gottes  Führung  und  seine  Gnade  zu  preisen.
Was  ich  alles  empfand,  nachdem  ich  vor  drei  Jahren  Napoleon  auf  dem  Gipfel
seiner  Macht  gesehen  habe,  kann  ich  nicht  beschreiben.“  Die  Verluste  der  Deutschen
betrugen  etwa  9000  Mann,  die  der  Franzosen  das  Doppelte;  außerdem  verloren  diese
während  der  Schlacht  und  durch  die  Waffenstreckung  104000  Mann  an  Gefangenen
und  die  gesamte  Ausrüstung  der  Armee.

Kämpfe  gegen  die  französische  Repnublik.

Die  Nachricht  von  der  Kapitulation  von  Sedan  erweckte  im  deutschen
Volke  Jubel  und  Dankbarkeit  gegen  Gott,  bei  den  Franzosen  Enttäuschung
und  Erbitterung.  Statt  aber  die  Ursache  ihrer  Niederlage  in  der  Uberlegenheit
  des  Gegners  zu  suchen,  schrieen  sie  über  Verrat,  und  die  Führer  der
Linken  benutzten  die  Verstimmung  gegen  die  Regierung,  um  mit  Hilfe  des
neuerungssüchtigen  Volkes  am  4.  September  die  Republik  zu  erklären,  die  ja
1792  das  Land  gerettet  hatte.  An  die  Spitze  der  neuen  Regierung  traten
General  Trochu,  sowie  die  beiden  Advokaten  Jules  Favre  und  Gambetta;
bald  darauf  ward  in  Tours  eine  Nebenregierung  eingerichtet.  Die  Kaiserin
Eugenie  war  entflohen  und  fand  mit  ihrem  Sohne  in  England  gastliche  Aufnahme.
  Die  neue  Regierung  knüpfte  zwar  gleich  Verhandlungen  mit  König
Wilhelm  an;  als  aber  Bismarck,  um  Deutschland  in  Zukunft  vor  ähnlichen
Uberfällen  Frankreichs  zu  sichern,  die  Abtretung  des  Elsaß  sowie  des  deutsch
redenden  Teils  von  Lothringen  verlangte,  erwiderte  Jules  Favre:  „Keinen
Schritt  Landes,  keinen  Stein  unserer  Festungen!“

Die  deutsche  Heeresleitung  hatte  das  vorausgesehen  und  sofort  nach  Unterzeichnung
  der  Kapitulation  von  Sedan  der  dritten  und  vierten  Armee  den  Befehl
zum  Vormarsch  auf  Paris  erteilt;  schon  am  15.  begann  die  Einschließung