thumbs : Die Reichsbank 1876-1900. (1)

Der  Lombardverkehr.  119

das  Effektenlombardgeschäft  stark  verringert,  während  das  Waarenlombardgeschäft  seinem
Umfange  nach  ziemlich  unverändert  blieb.

Aber  auch  innerhalb  des  Effektenlombards  haben  sich  hinsichtlich  der  Unterpfänder
interessante  Verschiebungen  vollzogen.  Die  Eisenbahnpapiere,  auf  welche  im  Jahre  1876
57,2  Prozent  aller  auf  Effekten  ausstehenden  Darlehne  ausgeliehen  waren,  sind  in
Folge  der  Verstaatlichung  aller  wichtigen  Privatbahnen  bis  zum  Jahre  1893  aus  den
Unterpfandsbeständen  fast  verschwunden.  Durch  die  Bevorzugung,  welche  die  deutschen
Werthpapiere  bei  der  Verpfändung  seit  dem  Jahre  1884  fanden,  ist  diese  Entwickelung
noch  beschleunigt  worden,  wie  die  Zusammensetzung  des  Unterpfandsbestandes  hierdurch
überhaupt  andauernd  auf  das  Nachhaltigste  beeinflußt  worden  ist.  In  welchem  Umfange
die  Verschiebung  seit  Einführung  des  Vorzugszinssatzes  stattgefunden  hatte,  ergiebt  sich  aus
der  Thatsache,  daß  im  Durchschnitt  des  Jahres  1883  nur  59)8  Prozent  aller  gegen  Verpfändung
  von  Werthpapieren  ertheilten  Darlehne  durch  Staatspapiere  überhaupt  —  die
beträchtlichen  Bestände  fremder  Fonds  mit  iubegriffen  —  sowie  durch  Schuldverschreibungen
zahlreicher  deutscher  Städte  gedeckt  waren,  während  nach  einer  am  5.  Juni  1897  aufgestellten
Statistik  81,5  Prozent  aller  im  Werthpapierlombard  ertheilten  Darlehne  durch  unmittelbar
vom  Reiche  oder  einem  deutschen  Bundesstaat  ausgegebene  Anleihen  sichergestellt  waren.

Es  ist  aber  ein  anerkannter,  von  den  Zentralnotenbanken  allgemein  befolgter
Grundsatz,  die  Lombardanlage  nicht  auf  eine  einzige  Unterpfandsgattung  zu  basiren,
auch  wenn  diese  die  Solidität  der  deutschen  Staatspapiere  besitzt,  sondern  das  Risiko
möglicher  Verluste  und  Stockungen  im  Rücksluß  aus  der  Lombardanlage  auf  thunlichst
viele  Unterpfandskategorien  zu  vertheilen.  Die  Zahl  der  beleihbaren  Effekten  wird  daher
umunterbrochen  vermehrt,  seit  dem  Jahre  1890  namentlich  durch  die  Schuldverschreibungen
(:  Pfandbriefe)  solider  deutscher  Hypothekenbanken.

Die  Bewegungen  der  auf  Wechsel  ausgeliehenen  Beträge  lassen  keine  Regelmäßigkeit
erkennen.  Der  Antheil  dieser  Beträge  am  Gesammtdarlehnsstande  hat  zwischen  0),6  Prozent
im  Jahre  1876  und  8  Prozent  im  Jahre  1900  geschwankt.  Die  Beleihung  von
Wechseln  hat  durchaus  den  Charakter  des  Zufälligen,  Ausnahmsweisen,  zu  der  nur
geschritten  wird,  wenn  besondere  Umstände  vorliegen,  die  es  für  den  Inhaber  zweckmäßiger
  machen,  ein  Darlehen  zu  entnehmen,  anstatt  die  Wechsel  zu  diskontiren.  Deshalb
hat  der  Wechsellombardverkehr  immer  nur  vorübergehend  einige  Bedeutung  erlangt.

Von  ganz  untergeordneter  Bedentung  ist  der  Edelmetall-Lombardverkehr  der  Reichsbank.
  Die  ausgeliehenen  Beträge  haben  die  Summe  von  1/I  Millionen  Mark  seit  Bestehen
der  Bank  nur  zwei  Mal,  in  den  Jahren  1882  und  1891,  erreicht.  In  der  Regel
waren  es  nur  wenige  Tausend  Mark,  meist  von  Juwelieren  auf  Barren  oder  von
Münzsammlern  auf  seltene  Münzen  entnommen.