250 Kaiserzusammenkünfte in Weimar und Stuttgart.
daß Sie es anweisen würden. Der Kaiser hat mir vorgestern Anne mit Krone⁷) gegeben,
entweder weil ich 6 Elenthiere in Rußland geschossen oder weil ich 2 gefehlt habe. Ich
muß fort. Der Ihrige.
271. Schreiben an Minister v. Manteuffel.
[Eigenhändig.]
23. September 1857.
E. E. werden schon direct durch den Telegraphen Kenntniß davon haben, daß der
Kaiser von Östreich am 1. October mit dem von Rußland in Weimar zusammentrifft. Es
ist mir mit dem Beding mitgetheilt, gegen niemand als die eigne Regirung etwas davon
merken zu lassen; zugleich wurde die Besorgniß geäußert, der Kaiser Franz Joseph könne
diese Begegnung in der Absicht angeregt haben, durch Zuziehung Sr. M. des Königs
zu derselben sie, der Stuttgarter Zusammenkunft¹) gegenüber, zu einer Gegendemonstration
im Sinne der heiligen Allianz zu benutzen. Fürst Gorczakow sagte mir, daß sein Kaiser, bei
dem leicht erregbaren Mißtrauen des französischen, jedenfalls alles vermeiden wolle, was
in jenem Sinne gedeutet werden könne, und deshalb eine Zusammenkunft à trois, eine
gleichzeitige Begegnung mit unserm allergnädigsten Herrn und dem Kaiser von Östreich
für unthunlich halte. Der Kaiser von Östreich hat den von Rußland direct um eine
persönliche Unterredung gebeten und letztrer Weimar vorgeschlagen. Gr. Buol wird
seinen Herrn nicht begleiten, sondern nur Gr. Grünne. Von Weimar wird der Kaiser
Alexander am 2. Oct. um 6 Uhr früh nach Dresden fahren und von dort um 9 Abends
in Potsdam eintreffen. In Darmstadt habe ich ihn am Sonntag beim Thee der Großherzogin
und Montag auf der Parade der Darmstädter Truppen gesehn. Das erste
Mal sprach er wieder sein Bedauern aus, daß S. M. der König nicht nach Stuttgart
käme, bemerkte aber, daß der Großherzog sehr zufrieden mit dieser Gestaltung sei, weil
die Zusammenkunft ohnehin die deutschen Fürsten beunruhige. Letztres sagte mir Herr
von Dalwigk auch und sprach sich schärfer antirussisch zu mir aus, als ich unter jetzigen
Umständen erwartete. Wenn er erst weiß, daß der Kaiser von Östreich nach Weimar
kommt, so wird er wohl wieder einen andern Ton anschlagen, wie nicht minder die
östreichische Presse, die jetzt von allen Seiten das Horn bläst, um Deutschland zur „Wachsamkeit“
aufzufordern. Von Baiern sind lebhafte Anstrengungen gemacht worden, um den
Kaiser Napoleon zu bewegen, daß er seine Excursion bis München ausdehne, aber bisher
vergebens. In Darmstadt hofft man noch lebhaft auf den französischen Besuch nach der
Stutgarder entrevue, kann aber nichts Sichres über die Art der Rückreise nach Frankreich
in Erfahrung bringen. Der französische Gesandte sagte mir, daß sein Kaiser heut um
9 Morgens von Chalons abgefahren sei, vermuthlich den Tag in Straßburg oder Metz
zubringe und am 24. in Baden sein werde. Rußland ist morgen 4 Uhr, Frankreich übermorgen
5 Uhr in Stuttgart.
Der bloßen Thatsache einer russisch=französischen Zusammenkunft gegenüber hat man
hier schon das Gefühl, daß der Deutsche Bund wackelt und alle Bundesfragen bei den
Collegen an Interesse verlieren; wie schnell würde die ganze Bundesverfassung auf die
Bedeutung historischen Materials herabsinken, wenn ein Bündniß mit praktischen Zwecken
zwischen jenen beiden erst wirklich vorlägel
⁷) St. Annenorden 1. Klasse mit der Krone
¹) Vgl. S. 242 u. 249.