Full text : Unser Preußen.

144  Zweiter  Zeitraum.

ließ  er  sogar  von  den  Kanzeln  herab  empfehlen,  verschenkte  ganze  Wagen—
ladungen  von  Pflanzkartoffeln  und  erreichte  es  so  teils  durch  Güte,  teils  durch
Zwang,  daß  diese  wichtige  Kulturpflanze  in  seinem  Staate  bald  allgemein
angebaut  wurde  und  in  den  Jahren  1771  und  1772,  als  das  Korn  mißriet,
viele  vor  dem  Hungertode  bewahren  half.  Um  die  Baumzucht  zu  heben,
richtete  er  in  der  Kurmark  Kreisgärtnereien  ein;  auch  suchte  er  den  Seidenbau
durch  Belohnungen  zu  fördern.  Zur  Verbesserung  der  Schafzucht  ließ  er
Merinowidder  aus  Spanien  kommen.  Ein  wichtiger  Schritt  zur  Hebung
des  Ackerbaues  war  auch  der  Beginn  der  Gemeinheitsteilung  und  Zusammenlegung
  der  Ländereien.  Im  ganzen  ging  das  Volk  schwer  auf  die  vom
Könige  beabsichtigten  Verbesserungen  ein,  so  daß  er  (1768)  unwillig  schrieb:
„Diese  Nation  ist  schwerfällig  und  faul.  Die  Menschen  bewegen  sich,  wenn
man  sie  antreibt,  und  halten  still,  wenn  man  einen  Augenblick  aufhört,  sie
zu  stoßen;  jeder  erachtet  nur  die  Gebräuche  seiner  Bäter  für  gut."“

Die  Bauern  würden  der  vom  Könige  ihnen  gegebenen  Anregung  leichter
gefolgt  sein,  wenn  ihr  Eifer  ihnen  selber  zu  gute  gekommen  wäre;  aber  ihr
Land  und  fast  ihre  ganze  Arbeitskraft  gehörte  dem  Gutsherrn.  Friedrich
konnte  hierin  wenig  ändern.  Er  versuchte  zwar  die  Erbunterthänigkeit  aufzuheben;
  aber  die  Stände  widersprachen  einmütig.  Woher  sollte  der  König
auch  die  Mittel  nehmen,  um  den  Adel  für  die  ihm  zugemuteten  Opfer  zu
entschädigen!  Auf  einigen  Domänen  in  Litauen  und  der  Neumark  befreite
er  die  Bauern;  da  gingen  sie  vielfach  davon  nach  besseren  Gegenden,  andere
verkauften  sogar  den  ihnen  als  Eigentum  überwiesenen  Hof  und  entwichen
mit  dem  Gelde.  Konnte  also  der  König  die  Bauern  auch  nicht  frei  machen,
so  suchte  er  doch  ihre  Lage  zu  erleichtern.  Er  befahl,  jeden  Amtmann
(d.  i.  Domänenpächter),  der  einen  Bauern  mit  dem  Stocke  geschlagen  habe,
sechs  Jahre  auf  die  Festung  zu  bringen,  wenn  er  sonst  auch  gut  wirtschafte
und  seine  Pacht  im  voraus  zahle.  Die  Bauern  sollten  fortan  wöchentlich
nur  drei  Tage  für  den  Gutsherrn  frönen.  Als  der  König  einst  durchs
Feld  fuhr,  stellten  sich  die  Bauern,  welche  dort  mit  Roggenmähen  beschäftigt
waren,  zu  beiden  Seiten  des  Weges  auf  und  strichen  grüßend  ihre  Sensen,
während  ihr  König  durch  ihre  Reihen  dahinfuhr:  es  war  der  Dank  der  einfachen
  Leute.  Auf  diesen  Fahrten  mußten  die  Amtleute  neben  dem  Wagen
des  Königs  reiten  und  über  alles  Auskunft  geben.

Dem  Ackerbau  und  dem  Binnenhandel  zugleich  suchte  der  König  durch
den  Bau  von  Kanälen  zu  dienen.  Bereits  1743—1745  ließ  er  den
Plaueschen  Kanal  zwischen  Havel  und  Elbe,  1744—1746  den  Finow-Kanal
  zwischen  Havel  und  Oder  anlegen.  Schon  1740  wurde  der  Swinekanal
  und  1746  die  Stadt  Swinemünde  erbaut.  Die  Oderschiffe  konnten
seitdem  auf  dem  kürzesten  Wege  ins  Meer  gelangen  und  brauchten  nicht  mehr
in  Wolgast  den  Schweden  Zoll  zu  entrichten.  Stettin  wurde  dadurch  für
Preußen  der  wichtigste  Einfuhrhafen  für  fremde  Waren  und  blühte  rasch  auf.
Gleich  nach  dem  Siebenjährigen  Kriege  wurde  der  Johannisburger  Kanal
gebaut,  der  die  masurischen  Seen  in  einer  Länge  von  zwölf  Meilen  verbindet;
  nach  der  ersten  Teilung  Polens  wurde  zwischen  Brahe  und  Netze  der
Bromberger  Kanal,  zur  Verbesserung  der  Memelschiffahrt  (1778)  der