Volltext : Der Friedensvertrag von Versailles

14  Ergänzungsheft

würde  gegen  den  hohen  Sinn  des  Kaisers  verstoßen,  wenn  ich  mich  von  so
manchen  Wahrnehmungen  von  gestern  und  heute  verleiten  ließe,  das  Verhalten
des  Berliner  Hofes  in  Contrast  mit  dem  unsrigen  zu  setzen.“

14.  Febr.  (Holstein).  Auch  das  Altonaer  Magistratsgericht  lehnt  das
Begehren  des  Berliner  Kammergerichts  um  Auslieferung  des  Redacteurs

  May  ab.

16.  〃  (Oesterreich)  versucht  einen  Schritt  der  Annäherung  an  Italien,
  indem  es  seinerseits  die  Vortheile  des  Handelsvertrags  mit
Sardinien  auf  alle  ital.  Provenienzen  ausdehnt.  Eine  Depesche  des
Grafen  Mensdorff  an  die  Cabinette  von  Frankreich  und  England
spricht  die  Erwartung  aus,  daß  Jtalien  seinerseits  dasselbe  thun
werde,  widrigenfalls  auch  Oesterreich  seine  Maßregel  wieder  zurückziehen
  würde.  Das  politische  Verhältniß  zu  der  Regierung  des  Königs
  Victor  Emanuel  würde  übrigens  durch  jene  Verfügung  nicht

berührt.

18.   〃  (Preußen).  Der  preußische  Botschafter  in  Paris,  Graf  v.  der
Goltz,  der  seiner  Zeit  unmittelbar  vor  dem  Abschlusse  der  Gasteiner
Convention  auch  zu  dem  Ministerconseil  in  Regensburg  berufen
worden  war,  trifft  aus  Paris  in  Berlin  ein.

19.  〃  (Frankreich).  Gesetzgeb.  Körper:  der  Adreßentwurf  der  Commission
  sieht  in  den  Aeußerungen  der  Thronrede  über  die  Beziehungen
  zum  Auslande  

„ein  neues  Pfand  für  den  Frieden,  dessen  Aufrechthaltung  den  Bedürfnissen
  der  Völker  entspricht,  den  Wunsch  Frankreichs  erfüllt  und  der  Weisheit
seiner  Regierung  Ehre  macht",  

ohne  Deutschlands  speciell  zu  erwähnen.  Die  Opposition  stellt
dazu  den  Amendementsantrag:

„Allein  um  dauerhaft  zu  sein,  muß  dieser  Friede  auf  der  Achtung  des
Rechtes  beruhen.  Wir  können  nicht  sehen,  daß  man  dieses  Recht  in  Deutschland
  verletze,  ohne  laut  unsere  Mißbilligung  kundzugeben.  Frankreich,  das
es  sich  zum  Ruhme  anrechnet,  das  Dogma  der  Volkssouveränetät  wieder  hergestellt
  zu  haben,  ist  es  sich  selber  schuldig,  gegen  die  Conventionen  zu  protestiren,
  in  welchen  die  Gewalt  über  die  Völker  verfügt.“

19/24.  Febr.  (Italien).  II.  Kammer:  Debatte  über  die  Verlängerung
des  Finanzprovisoriums  auf  zwei  Monate,  was  die  Regierung  als
Vertrauensvotum  verlangt.

Mehrere  Mitglieder  ergreifen  die  Gelegenheit,  sich  einläßlich  über  die  Militärfrage
  zu  äußern.  General  Bixio  erklärt,  daß  für  Italien  die  Taufe
eines  Kriegs  um  Venedig  unumgänglich  sei,  um  Achtung  in  Europa  und  in
der  Diplomatie  zu  erlangen.  Ministerpräsident  General  Lamarmora:
Ueber  die  Armeefrage  müsse  man  sich  verständigen,  und  das  Land  nicht  in
trügerische  Hoffnungen  wiegen.  „Wir  müssen  uns  auf  den  Friedensfuß  setzen,
um  sowohl  finanziell  als  in  jeder  andern  Beziehung  besser  im  Stande  zu
sein,  nöthigenfalls  Krieg  führen  zu  können.  Es  reicht  vollkommen  hin,  wenn
wir  für  Heer  und  Flotte  200  Millionen  ausgeben!  Hätte  die  Regierung  seit
1860  dieses  System  befolgt,  so  wären  627  Millionen  gespart  worden,  wovon
  man  127  Millionen  auf  Befestigungen  verwenden  und  mit  500  Millionen
  eine  großartige  Reserve  für  alle  Eventualitäten  hätte  bilden  können.  Ich
klage  Niemand  an.  Meine  Vorgänger  haben  sich  wahrscheinlich  von  dem

Kriegsgeschrei  der  öffentlichen  Meinung  einschüchtern  lassen;  ich  sage  es  nur,