Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Kriegsberichte:  Wytschaetebogen  1917

her  Dorf  und  Bahnhof  Roeux  zurück.  Leider  ließ
sich  dieser  Erfolg  gegen  einen  am  16.  Mai  früh  9  Uhr
einsetzenden,  sehr  starken  feindlichen  Gegenangriff
nicht  halten.  Der  Bahnhof  Roeux  ging  ganz,  das
Dorf  zum  größten  Teile  wieder  verloren.  Dagegen
wurde  ein  gleichzeitig  südlich  von  der  Straße  Arras-Douai
  vorgeführter  feindlicher  Vorstoß  abgeschlagen.

Bei  Bullecourt  kamen  die  Kämpfe  nicht  zur
Ruhe.  Die  von  den  Engländern  immer  wieder  aufs
neue  durchgeführten  Angriffe  scheiterten  restlos  an
der  zähen  Ausdauer  der  Gardefüsiliere.  Wir  benutzten
  diesen  Zeitpunkt  der  Ermattung  beim  Gegner,
um  in  der  Nacht  vom  16.  auf  17.  Mai  die  als  Kampfplatz
  völlig  verbrauchte,  ganz  eingeebnete  Trümmerstätte
  des  Dorfes  Bullecourt  zu  räumen  und  unsere
Linie  auf  den  Nordrand  des  Dorfes  zurickzunehmen.
Patrouillen  wurden  im  Orte  zurückgelassen,  einige
am  15.  Mai  im  Engländernest  füdwesslic  von  Riencourt
  von  uns  erworbene  örtliche  Vorteile  wurden
gewahrt,  unsere  Maßnahmen  blieben  vom  Feinde  zunächst
  völlig  unbemerkt.

Am  20.  Mai  schien  es  noch  einmal,  als  wolle  der
Gegner  sich  zu  einem  Angriffe  in  großem  Stile  ermannen.
  6  Uhr  morgens  setzte  gegen  fast  die  ganze
Linie,  bes.  aber  südlich  von  der  Scarpe,  schlagartig
stärkstes  Trommelfeuer  ein.  Der  Infanterieangriff
kam  jedoch  nur  südlich  von  Monchy  bis  nordwestlich
von  Bullecourt  in  Gang.  Er  wurde  im  allgemeinen
schon  in  unserem  Feuer  abgeschlagen.  Nur  bei  Fontaine
  gelang  es  dem  Gegner,  einen  taktisch  unwesentlichen
  bruschen  Vorteil  zu  erringen.  Anschließend  an
diese  Kämpfe  folgten  am  21.  Mai  in  den  frühen  Morenstunden

  beginnend  schwere  Angriffe  an  der  Straße
Budeerourt.  endecourt  und  die  Stellungen  östlich
und  westlich  davon.  In  erbitterten  Gegenangriffen
und  durch  unser  Abwehrfeuer  wurde  hier  der  Stoß
aufgefangen.  Die  Stellung  blieb  restlos  in  unserer
Hand.  Die  Verluste  des  Feindes  waren  stark.  Bei  Lens
nahm  die  Kampftätigkeit  die  Form  kräftig  geführter
Teilvorstöße  an.  Am  24.  Mai  war  es  einer  feindlichen
Abteilung  in  Bataillonsstärke  nach  mächtiger  Feuervorbereitung
  geglückt,  südöstlich  von  Loos  vorübergehend
  in  unsere  Gräben  einzudringen.  Am  Tage  darauf
  war  unsere  Stellung  wieder  völlig  gesäubert.

Wies  der  feindliche  Munitionsverbrauch  schon  in
der  vorletzten  Woche  des  Mai  eine  gewisse  Abnahme
auf,  so  flaute  die  feindliche  Tätigkeit  im  allgemeinen
bis  zu  Ende  des  Monats  merklich  ab.  Die  Infanteriekämpfe
  liefen  in  rege,  rein  örtliche  Patrouillentätigkeit,
das  Tlanmäßige  Feuer  der  Kampfartillerie  in  lebhaftes
  Störungsfeuer  und  gelegentlich  in  sehr  seleges
Vernichtungsfeuer  aus.  Dann  und  wann  flackerte
die  feindliche  Offensive  noch  in  kräftigen  Teilvorstößen
  auf.  #

So  schritten  die  Engländer  am  27.  Mai  südlich
von  der  Scarpe  nach  kurzer,  aber  kräftigster  Feuervorbereitung
  zwischen  Cheérisy  und  Bullecourt  zum
Angriffe  gegen  unsere  Stellungen  südlich  von  Fontaine.
  Er  dauerte  bis  28.  früh,  verschaffte  dem  Gegner
  nur  blutige  Verluste  und  keinen  Gewinn.  Eoeuso
scheiterten  in  der  Nacht  vom  30.  auf  31.  Mai  zwischen
Monchy  und  Guêmappe  und  dicht  südlich  von  der
Scarpe  Vorstöße  des  Feindes  zum  Teil  im  Kampfe
von  Mann  gegen  Mann.

Seit  Ende  Mai  war  lebhafte  feindliche  Tätigkeit
im  Wytschaetebogen  gemeldet  worden.  Es  schien,
als  ob  der  Gegner  dort  zu  einem  neuen  Vorstoße

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egen  unsere  Linien  ansetzen  wollte.  War  das  seine

bsicht,  so  enthielt  ihre  Verwirklichung  das  ausdrückliche
  Eingeständnis  des  Mißerfolges  der  Offensive
vor  Arras,  mußte  aber  gleichzeitig  ein  Aufleben  der
Gefechtshandlung  auf  diese  Kriegsschauplätze  mit  sich
bringen,  und  zwar  zu  dem  naheliegenden  Zwecke,
dort  Kräfte  festzuhalten,  die  dem  Gegner  am  Wytschaetebogen
  hinderlich  sein  konnten.

So  gewann  das  Kampfbild  in  der  ersten  Juniwoche
  vor  Arras  ein  wesentlich  bewegteres  Aussehen.
Erkundungsvorstöße  umfangreicherer  feindlicher  Abteilungen
  wurden  vom  31.  Mai  bis  4.  Juni  bei  Loos,
Lens,  am  Souchez-Bach,  bei  Monchy,  Chérisy  und
Fontaine  unter  zum  Teil  bedeutenden  Verlusten  für
den  Gegner  abgewehrt.  Der  5.  Juni  brachte  uns
noch  einmal  schwere  Kämpfe.  Abends  9  Uhr  15  griff
der  Gegner  nach  mächtigem  Trommelfeuer  die  Front
von  Gavrelle  bis  Roeux  mit  mindestens  zwei  Divisionen
  in  tiefer  Staffelung  an.  Zwischen  Garrelle
und  Fampoux  wurden  die  feindlichen  Angriffswellen
von  bayerischen  Regimentern  mit  blutigen  Köpfen
heimgeschickt.  Nur  beim  Bahnhof  Roeux  drangen  sie
in  kleine  Grabenstücke  ein.

Der  Zweck  dieses  auffallend  starken  Unternehmens,
das  in  den  folgenden  Tagen  in  einer  für  uns  günstien

  Weise  erledigt  wurde,  lag  auf  der  Hand.  Es
ollte  unsere  Reserven  auf  dem  Schlachtfelde  vor  Arras
binden,  indes  in  Flandern  die  Vorbereitungen  für
den  neuen  Ansturm  heranreiften.

Am  7.  Juni  ließ  der  Feind  im  Wytschaetebogen
seine  Minen  springen,  ein  neuer  großer  Angriff  halte
begonnen,  die  Frühlingsschlacht  von  Arras  war  beendet.
  Ihr  Ziel  war  für  den  Gegner  die  Einleitung
der  Rückeroberung  von  Belgien  und  Nordfrankreich,
ihr  Erfolg,  äußerlich  gemessen  ein  Geländegewinn
von  etlichen  zerschossenen  Dorfstätten,  im  Vergleich
zu  ihrem  Endzweck  ein  Fehlschlag,  im  Hinblick  auf
die  erlittenen  Verluste  eine  schwere  Niederlage.

Die  Schlacht  im  Wytschactebogen  am  7.  Juni  19171.
1.

Die  Erstarrung  der  Fronten  nach  den  Kämpfen  in
Flandern  hatte  im  Herbst  1914  einen  Keil  gebildet,
der  sich  aus  der  deutschen  Linie  bedrohlich  in  die  englische
  Front  hineinschob.  Ein  Bogen  von  15  kin
Länge  verließ  bei  der  Doppelhöhe  60  östlich  von
Zillebeke  die  von  Nord  nach  Süd  gestreckte  Front  und
spannte  sich,  den  Dpern-Lys-Kanal  überschreitend,
um  die  Dörfer  Wytschaete  und  Messines,  um
südwestlich  von  Warneton  in  die  gerade  Linie  wieder
einzumünden.

Der  Wille  des  Engländers  war  seit  1914  auf  den
Wytschaetebogen  gerichtet.  Lille  beschützend,
Mwern  bedrohend,  erschien  ihm  der  Keil  ein  bedeutendes
  Hindernis.  Deutsche  Batterien,  hinter  die
Höhen  von  Wytschaete  geduckt,  haben  aus  so  weit  vorgeschobenen
  Stellungen  ihre  Reichweite  verlängernd
die  feindlichen  Gräben  in  der  Dpernbucht  und  nördlich
  von  Armentieres  flankierend  bestrichen.  Da  kein
anderes  Mittel  zu  fruchten  schien,  begann  schon  Ausgang
  1914  der  Feind  den  unheimlichen  und  mühevollen
  Krieg  unter  der  Erde.  Tiefer  liegend  um  5
bis  10  m  als  der  Deutsche,  unterfährt  er  mit  seinen
  bis  zu  20  m  tiefen  Stollen  unseren  vordersten
Graben  und  zwingt  zur  Abwehr.  Die  deutschen  Pioniere
  haben  schweren  Stand.  Ehe  der  wasserführende

1  Bgl.  die  Karte  S.  88.  2