254 Die Österreichisch-Ungarische Monarchie. (Mai 26.—29.)
militärische Dienst in jener Provinz an Ausdehnung und Anstrengung beträchtlich
gewachsen sei und Ansprüche stelle, für welche die in diesem Landesteile
bisher nicht vermehrte Truppenzahl weiterhin nicht ausreiche. — Allgemein
erachtet man dies Communiqué als die Ankündigung der in demselben
als notwendig bezeichneten Maßregeln, glaubt jedoch, daß für die
letzteren nicht politische Motive, sondern rein militärische Gründe bestimmend
sind; da es eine Anomalie wäre, wenn gerade in dem seiner geographischen
Lage und Beschaffenheit nach exponiertesten Grenzlande das für rasche Entwickelung
der Wehrkraft so vorteilhafte Territorialsystem nicht durchgeführt
würde.
26. Mai. (Ungarn: Tisza.) Im ungarischen Abgeordnetenhause
interpelliert der Abg. Helfy den Ministerpräsidenten in
Bezug auf die Stellung der Regierung zur Beschickung der Pariser
Weltausstellung.
Der Minister bedauert, daß ihm die Interpellation nicht früher mitgeteilt
wurde, denn er müsse jedes Wort überlegen. Wenn die Industriellen
ihn um einen Rat angehen, ob sie die Ausstellung beschicken sollen, werde
er mit Nein antworten. Die Regierung wolle nicht, daß die Ausstellung
einzelner Privater für jene Ungarns genommen werde. Auch wollte die
Regierung die Industriellen vor einem größeren Schaden bewahren, denn bei
den herrschenden Stimmungen in Frankreich könne niemand dafür gutstehen,
daß die Farben und Embleme Ungarns eine ihnen gebührende Behandlung
finden. Die Lage sei ohnedies ernst. (Bewegung. Rufe: Dresdener Turnfest!)
Wenn im Lande, das mit uns verbündet, solches mit der ungarischen
Fahne geschehen ist, so bleibe noch wahrer, was der Minister gesagt habe.
Wir leben mit Frankreich in Freundschaft und wollen dieses Verhältnis
erhalten. Die französische Regierung betrachte die Nichtbeschickung nicht als
Feindseligkeit. Minister Szechenyi erklärt, er habe die Industriellen abgemahnt,
weil dieselben von der Ansicht ausgegangen seien, die Regierung
werde sie materiell unterstützen.
28. Mai. (Österreich: Differenzen im Polen-Klub.)
Im Polen-Klub werden die Differenzen so scharfe, daß von mehreren
Seiten eine „Sezession“ vorgeschlagen wird. Der Abg. Niemczynowski
betont, daß der Austritt der Jungtschechen aus dem
Tschechen-Klub der nationalen Sache keineswegs geschadet habe, und
daß gerade der jungtschechischen Fraktion zahlreiche Anregungen in
nationaler Hinsicht zu verdanken seien. Redner verlangt, es solle
ihm gestattet werden, bei der Abstimmung über das Branntweinsteuergesetz
nach eigenem Ermessen vorzugehen und von dem Beschlusse
der Klubmehrheit abzusehen, zumal es sich da um eine
wirtschaftliche und nicht um eine politische Angelegenheit handelt.
In nationalen und politischen Fragen werde er nie gegen die Solidarität
verstoßen. Die Klubmajorität entschied, es sei auf das Ansinnen
Niemczynowskis nicht einzugehen.
29. Mai. (Österreich: Abgeordnetenhaus.) Debatte
über das Branntweinsteuergesetz.