36 Unser Kaiser.
Worte hinzu. Er verglich den Herrn in jener Nacht mit
einer Mutter, die einen ungeratenen Sohn in der Fremde
hat. Der lebt in Sünden und Lastern. Er weiß gar nicht,
was für ein schlechter Mensch er ist. Aber ein Herz gibt
es doch in der Welt, das fühlt jede Sünde und jede Schmach
des mißratenen Menschen so tief mit, als ob all diese Sünden
die eigene Schmach und eigene Schuld wären: das ist die
arme Mutter, die für den verlorenen Sohn betet. So war
es in jener Nacht bei Jesus. Auch er fühlte die Sünde und
Schmach nicht nur eines verlorenen Sohnes, sondern einer
ganzen verlorenen Welt als seine eigene Sünde und Schuld,
und trug sie am nächsten Morgen als das Lamm Gottes
hinauf ans Kreuz.
Nach diesen Worten kniete der Kaiser nieder auf die
Felsen des Olbergs, ebenso die Kaiserin und das kleine Ge—
folge, und ein herzbewegtes Gebet Dryanders trug aller
Gedanken und Bitten zu dem empor, den wir Christen
dort auf dem Olberge suchen. Das war eine Feierstunde auf
dem Olberge, die wohl einen der Höhepunkte der ganzen Reise
bildete. Dann schaute das Kaiserpaar noch einmal hinaus in
die einzigartige Landschaft. Drüben im Osten lag Bethanien.
Drunten in der Tiefe glänzte der weiße Spiegel des Toten
Meeres. Im Östjordanland erhoben sich in weiter Ferne,
von der untergehenden Sonne mit glühenden, purpurnen und
bläulichroten Lichtern überhaucht, die Berge von Peräa und
Moab. Dann wurden die Farben tiefer und tiefer. Die
Schatten stiegen staffelweise an der Gebirgowand herauf.
Fast geisterhaft schaute die stahlblanke Fläche des Toten
Meeres herauf. Da wandte sich der Keiser, tief ergriffen,