Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  21.  —22.)  97

regierung  zu  ersuchen,  sie  möge  dahin  wirken,  daß  der  evangelischen  Kirche
die  für  ihre  dringenden  Bedürfnisse,  namentlich  zur  Begründung  neuer  Parochien
  und  zum  Baue  neuer  Kirchen,  zur  Herstellung  kirchlicher  Seminare
und  zur  Einführung  von  Vikariaten,  zur  Ablösung  der  Stolgebühren,  zur
entsprechenden  Ausübung  des  Kirchenregiments  und  zur  dauernden  Bestreitung
  eines  ausreichenden  Einkommens,  sowie  einer  entsprechenden  Unterstützung
der  Geistlichen,  und  nach  deren  Tode  zur  Unterstützung  ihrer  Angehörigen
notwendigen  Mittel  gewährt  werden,  und  zwar  in  dem  Maße,  daß  die  zu
gewährenden  Mittel  zu  denen,  welche  die  römisch-katholische  Kirche  vom
Staate  empfängt,  fortan  etwa  in  dem  Verhältnisse  der  Seelenzahl  beider
Kirchen  stehen,  und  daß  sie  nicht  bloß  durch  jährliche  Etatsbewilligungen,
sondern  auf  Grundlage  eines  Staatsgesetzes  festgestellt  werden.“

Der  Landtagsschluß  unterbricht  die  weiteren  Beratungen.

21.  März.  (Marine-  und  Heeres-Etat.)  Reichstag:
Beim  Spezialetat  der  Marine  werden  alle  Forderungen  fast  unverändert
  bewilligt.

Beim  Heeresetat  wird  dieses  Mal  auch  die  Forderung  für
Errichtung  einer  Unteroffizierschule  in  Neubreisach  mit  großer  Mehrheit
  bewilligt.

22.  März.  (Kaisers  Geburtstag.)  Kaiser  Wilhelm
vollendet  sein  neunzigstes  Lebensjahr.  Aus  Anlaß  der  Feier  dieses
Tages  ergeht  an  den  Fürsten  Bismarck  folgender  Erlaß:

„Es  ist  eine  wunderbare  Fügung  des  Himmels,  daß  Mir  nach  so

vielen  unvergeßlichen  Erinnerungstagen  auch  noch  vergönnt  gewesen,  am
22.  März  Mein  neunzigstes  Lebensjahr  zu  vollenden.  In  demütigem  Ernste
erkenne  Ich  die  Gnade  Gottes,  welche  Mich  diesen  Tag  hat  erleben  lassen,
welche  Mir  in  so  hohem  Alter  Kraft  zur  Erfüllung  Meiner  fürstlichen  Pflicht
erhalten  hat,  welche  Mir  das  Glück  gewährt,  noch  Meinen  Lebensabend  mit
Meiner  geliebten  Gemahlin  zu  teilen  und  auf  eine  kräftig  emporwachsende
Nachfolge  von  Kindern,  Enkeln  und  Urenkeln  zu  schauen.  Neunzig  Jahre
eines  menschlichen  Lebens  —  welch’  eine  lange  Spanne  Zeit?  Wenn  Ich
sie  im  Geiste  an  Mir  vorübergehen  lasse,  so  will  es  Mir  oft  kaum  faßlich
erscheinen,  was  Ich  alles  erlebt,  erfahren  und  errungen  habe.  Die  göttliche
Vorsehung  hat  Meine  Wege,  wenn  auch  nicht  ohne  schwere  Prüfungen,  sicher
geleitet  und  zu  glücklichen  Zielen  geführt.  Gottes  reichster  Segen  hat  auf
einer  Arbeit  geruht.  In  frühester  Jugend  habe  Ich  die  Monarchie  Meines
tiefgebeugten  Vaters  in  ihrer  verhängnisvollen  Heimsuchung  gesehen.  Ich
habe  aber  auch  die  hingebendste  Treue  und  Opferfreudigkeit,  die  ungebrochene
Kraft  und  den  unverzagten  Mut  des  Volkes  in  den  Tagen  seiner  Erhebung
und  Befreiung  kennen  gelernt.  Jetzt  in  Meinem  Alter  blicke  Ich,  nach  so
manchen  Wechselfällen  Meines  Lebens,  mit  Stolz  und  Befriedigung  auf  die
großen  Wandlungen,  welche  die  ruhmvolle  Vergangenheit  der  jüngsten  Zeit,
ein  unvergängliches  Zeugnis  deutscher  Einigkeit  und  aufrichtiger  Vaterlandsliebe,
  in  Deutschland  geschaffen  hat.  Möge  unserem  teuren  Vaterlande  die
lang  ersehnte  Errungenschaft,  wie  Ich  zuversichtlich  hoffe,  in  ungestörter,
segensreicher  Friedensarbeit  zu  stets  wachsender  Wohlfahrt  aller  Klassen  der
Nation  gereichen!  In  wohlthuender  Erinnerung  an  eine  solche  ereignisreiche
Vergangenheit  gewinnt  die  neunzigste  Wiederkehr  Meines  Geburtstages  für
Mich  eine  besondere  Bedeutung,  welche  durch  die  allgemeine,  tief  empfundene
Teilnahme  Meines  Volkes  erhöht  wird.  Aus  allen  Teilen  des  Reichs,  aus

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