Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Veutsches  Reich.  (Januar  18.)  41

tragung  der  Legitimation  unehelicher  Kinder  von  Kriegsteilnehmern  ins
Geburtenregister  und  e.  Bek.  über  die  Verfolgung  von  Zuwiderhandlungen
gegen  die  Vorschriften  über  wirtschaftl.  Maßnahmen.

Durch  die  letzte  Verordnung  wird  bestimmt,  daß  unverschuldeter
Irrtum  über  das  Bestehen  oder  die  Anwendbarkeit  von  Vorschriften,
die  der  Bundesrat  auf  Grund  seiner  Ermächtigung  zu  wirtschaftlichen
Maßnahmen  erlassen  hat,  Straffreiheit  bedingt.  Solange  die  öffentliche
Klage  nicht  erhoben  ist,  kann  die  Staatsanwaltschaft  bei  dem  Gerichte  die
Einstellung  des  Verfahrens  beantragen.  Ist  die  öffentliche  Klage  erhoben
und  erachtet  das  Gericht  die  Voraussetzungen  für  die  Annahme  unverschuldeten
Irrtums  gegeben,  hat  es  die  Eröffnung  des  Hauptverfahrens  abzulehnen
oder,  wenn  Voruntersuchung  geführt  ist,  den  Angeschuldigten  außer  Verfolgung
  zu  setzen;  ist  Strafbefehl  beantragt,  hat  das  Gericht  den  Antrag“
abzulehnen.  Ergibt  die  Hauptverhandlung,  daß  unverschuldeter  Irrtum
vorliegt,  ist  der  Angeklagte  freizusprechen.

18.  Jan.  (Berlin.)  Sitzung  des  sozialdemokratischen
Parteiausschusses  zur  Besprechung  der  Parteilage.

In  einem  einleitenden  Referat  kommt  Abg.  Ebert  nach  eingehender
Besprechung  der  Entwicklung  des  Parteistreits  zu  dem  Schluß,  daß  die  Einberufung,
  die  Verhandlungen  und  Beschlüsse  der  Konferenz  der  Opposition
vom  7.  Jan.  (s.  S.  10  ff.)  ihre  Spaltungsabsicht  offenkundig  machten  und  mit
dem  Wortlaut  und  Geist  des  Parteistatuts  dermaßen  unvereinbar  sind,  daß
dies  im  Interesse  der  Partei  offen  ausgesprochen  werden  müsse  und  hieraus
die  notwendigen  Folgerungen  zu  ziehen  seien.  In  der  Debatte  schließen  sich
die  Redner  der  Mehrheit  dem  Ref.  an.  Die  auf  seiten  der  Opposition
stehenden  Redner  bestreiten  sowohl  die  sachliche  Richtigkeit  der  Beurteilung
der  Konferenzbeschlüsse  durch  Ebert,  wie  insbesondere  die  formale  Berechtigung
  des  Parteiausschusses  zu  so  weitgehenden,  nicht  nur  gutachtlichen
Beschlüssen.  In  seinem  Schlußwort  betont  Ebert  das  Recht  des  Parteiausschusses,
  zu  diesen  für  die  Partei  so  wichtigen  Fragen  klare  Stellung
zu  nehmen.

Mit  29  gegen  10  Stimmen  wird  in  namentlicher  Abstimmung  folgende
von  Löbe-Breslau  und  Sindermann-Dresden  gestellte  Resolution
angenommen:  Einigkeit  und  Geschlossenheit  im  Handeln,  freiwillige  Unterordnung
  der  Minderheit  unter  die  Beschlüsse  der  Mehrheit,  das  sind  die
ersten  Gebote  einer  demokratischen  Massenbewegung,  wie  sie  die  Soz  ist.
Nur  durch  straffe  Disziplin  kann  sie  im  Kampfe  mit  ihren  zahlreichen
und  mächtigen  Gegnern  den  sozialistischen  Grundsätzen  Geltung  verschaffen.
Je  kritischer  die  politische  Situation,  je  gefährdeter  die  Arbeiterorganisationen,
  desto  fester  muß  der  Zusammenschluß  ihrer  einzelnen  Glieder  sein
zur  wirksamen  Vertretung  der  Arbeiterinteressen.  Die  Reichstagsfraktion
hat  unter  Zustimmung  des  Parteiausschusses  und  der  Reichskonferenz  der
Gesamtpartei  im  Verlaufe  des  furchtbaren  Weltkrieges,  dessen  Charakter  als
Verteidigungskrieg  für  Deutschland  nach  der  Bekanntgabe  der  maßlosen
Eroberungsziele  der  feindlichen  Regierungen  von  niemand  mehr  ernstlich
bestritten  werden  kann,  den  Grundsätzen  der  Partei  getreu,  die  Mittel  für
die  Landesverteidigung  bewilligt.  Eine  Gruppe  von  Parteigenossen  nahm
dies  zum  Anlaß,  um  unter  schwerstem  Disziplinbruch  die  geschlossene  Kampfesfront
  rücksichtslos  zu  zerreißen.  Sie  hat  die  Reichstagsfraktion  gespalten
und  als  neue  Fraktion  die  Sozialdemokratische  Arbeitsgemeinschaft  gebildet.
Sie  hat  es  seitdem  als  ihre  Aufgabe  betrachtet,  die  auf  die  Milderung  der
Kriegsleiden  und  die  Herbeiführung  eines  baldigen  Friedens  gerichtete
Politik  der  sozialdemokratischen  Reichstagsfraktion  zu  durchkreuzen  und  sie