Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Veutsches  Reich.  (Januar  18.—19.)  43

hat.  Das  galt  im  Frieden!  Wieviel  mehr  muß  es  im  Kriege  gelten,  der
in  seinen  volkswirtschaftlichen  Wirkungen  die  kapitalistischen  Interessenvertretungen
  ungeheuer  stärkt.  Für  die  wirkungsvolle  Vertretung  der
Arbeiterinteressen  in  den  großen  Kämpfen  der  Zukunft  gilt  es,  die  Partei
zu  erhalten.  So  schmerzlich  die  Bruderkämpfe  sein  werden,  die  uns  noch
bevorstehen  —  heute  gilt  es  die  Partei  zu  retten,  die  immer  noch  die
größte  politische  Organisation  der  Welt  ist.  Wir  kämpfen  in  diesem  schicksalsschweren
  Jahre  1917  nicht  nur  den  Kampf  um  die  Existenz  des  Deutschen
Reiches  und  der  deutschen  Arbeiterklasse,  sondern  auch  um  die  Existenz
einer  starken  deutschen  Sozialdemokratie.

Gegen  die  Resolution  des  Parteiausschusses  erklären  der  Vorstand
der  Soz.  Arb.  und  der  Vorstand  der  soz.  Wahlvereine  von  Groß-Berlin
in  einem  Aufruf  an  die  Parteigenossen  („Leipz.  Volksztg.“  vom  20.  Jan.):
Wir  haben  uns  nicht  von  der  Partei  getrennt.  Wir  stehen  vielmehr  mit
voller  Ueberzeugung  und  Treue  auf  dem  Boden  des  Parteiprogrammes!
In  der  Besprechung  vom  7.  Jan.  wurde  ja  auch  ausdrücklich  erklärt,  daß
wir  für  die  Ausbreitung  unserer  Anschauung  im  Rahmen  des  Parteistatuts
wirken  wollen.  Dem  Parteivorstand  steht  ebensowenig  wie  irgendeiner
anderen  Körperschaft  das  Recht  zu,  ganze  Parteiorganisationen  oder  einzelne
Parteigenossen  durch  irgendeine  Verfügung  aus  der  Partei  auszuschließen.
Der  Ausschluß  aus  der  Partei  kann  nach  dem  Organisationsstatut  nur  durch
ein  schiedsgerichtliches  Verfahren  erfolgen,  dessen  letzte  Instanz  der  Parteitag
  ist.  Die  Besprechung  vom  7.  Jan.  fand  statt  als  unumgängliches  Abwehrmittel
  gegen  statutenwidrige  und  parteischädigende  Handlungen  des
Parteivorstandes  selbst.  Der  Parteivorstand  hat  während  der  ganzen  Kriegszeit
  parteizerrüttend  gewirkt.  Der  Opposition  ist  ihre  Aufgabe  vorgezeichnet
durch  unser  gutes  Recht  und  das  Gesamtinteresse  der  Arbeiterbewegung.
Mit  den  gemaßregelten  Parteiorganisationen  und  Parteigenossen  werden  sich
alle  unsere  den  gleichen  Anschauungen  huldigenden  Freunde  solidarisch  erklären.
  Wie  die  oppositionell  gerichteten  Parteiorganisationen  und  Parteigenossen
  später  ihre  Rechte  zu  wahren  und  die  Vertretung  unserer  Anschauungen
  im  öffentlichen  Leben  sicherzustellen  haben,  muß  künftigen  Entschließungen
  vorbehalten  bleiben.  Jetzt  ist  kein  Tag  zu  verlieren!  Deshalb,
Parteigenossen,  schließt  euch  zusammen  zur  Wahrung  unserer  Rechte  in  den
Parteiorganisationen!  Der  KAamyf)  den  wir  in  der  Partei  durchzufechten
haben,  ist  nur  die  Folgeerscheinung  des  großen  grundsätzlichen  Widerstreits
zweier  Weltanschauungen.  Der  Vorstand  und  seine  Anhänger  haben  sich
durchgemausert  zu  nationalsozialen  Anschauungen  und  sind  so  zu  einer  Gefolgschaft
  der  Regierung  und  der  imperialistischen  bürgerlichen  Parteien  geworden.
  Wir  blieben  und  bleiben  auch  während  des  Weltkrieges:  Vorkämpfer
für  den  Weltfrieden  und  die  Befreiung  des  Proletariats!

18.—19.  Jan.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Erste  Lesung  des
Staatshaushaltsplanes  für  1917.  Aussprache  über  Fragen
der  äußeren  und  inneren  Politik.

Abg.  Dr.  v.  Heydebrand  und  der  Lase  (Kons.):  Es  ist  erfreulich,
daß  das  Ergebnis  der  Etats  von  1915  und  1916  ein  günstiges  gewesen  ist.
Zu  billigen  ist  auch,  daß  der  Haushaltsplan  für  1917  so  aufgestellt  ist,  daß
er  im  Gegensatz  zu  den  beiden  früheren  Plänen  ein  der  Wirklichkeit  mehr
entsprechendes  Bild  gibt.  Auch  dieser  Haushaltsplan  zeigt  das  erhebende
Bild,  daß  der  preußische  Staat  trotz  der  gewaltigen  Kriegsleistungen  die
nötigen  Mittel  für  die  Erfüllung  seiner  großen  Kulturaufgaben,  namentlich
auch  auf  dem  Gebiete  der  inneren  Kolonisation  und  damit  zur  Sicherstellung