Full text: Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

  
      
Die berufliche und soziale Gliederung des Deutschen Volkes. 
In welchem Masse beteiligt sid das Deuische Uolk am Erwerb? In weldyerlei Berufen vollzieht sich dieser Erwerb und mil UsH 
1. Stärke wird er da ausgeübt? Inwieweit sind die einzelnen Erwerbsthätigen bei ihrer Chätfigkeit selbständig oder Dr. Friedrich 
abhängig? In welcher Richlung haben sich diese Nerhälinisse neuerdings fortentwickelt ? Aahn. 
Auf diese Kardinaliragen unseres wirtschaftlichen Lebens gqiebi die Berufszählung vom 14. Juni 18095 Antwort, sie wurde 
seitens der Reichsregierung zu dem Zweck vorgenommen, um sichere Grundlagen für die Beurteilung der volkswirtschafllichen 
Uerhältnisse des Reichs zu schaffen. Ihre Ergebnisse, deren Bereitstellung einen Kostenaufwand von 2,4 Millionen Mark 
erheischte, hat das Kaiserliche Statistische Ami in den Bänden I02—110 der Statistik des Deutschen Reichs, in Band II text- 
lich und graphisch (auf insgesamt 6000 Seiten) mitgeteilt. 
Biernach sind es von der 51,8 Millionen zählenden Bevölkerung des Reiches eiwas über zwei Fünftel (42,719;6), welche 
die eigentliche Arbeitskraft der Nation repräsentieren, und zwar schaffen 20,5 Millionen oder 40,12°%;o als „Erwerbsthätige 
mit einem Bauptberuf* unmittelbar für die Volkswirtschaft, 1,3 Millionen oder 2,59°;o als Bausgesinde. Den übrigen Ceil 
der Bevölkerung bilden 27,5 Millionen nichterwerbsthätige Familienangehörige (53,15%, 0), worunfer neben den erwerbs- 
unfäbigen Baushaltsmitgliedern auch die mit der Besorgung des Bauswesens befassien Ehefrauen inbegriffen sind, Temer 
2,1 Millionen (4,14%) sog. berufslose Selbständige, eine Sammelgruppe, die ausser Rentnern, Pensionären Armenunterstützte, 
Anstaltsinsassen und solche, deren Beruf nicht feststellbar, einschliess'. Mit der genannten Erwerbsziffer (d. i. Anteil 
der Erwerbsthätigen an der Bevölkerung) unterscheidet sich Deutschland wenig von anderen >laaten, nur in Arossbritannien 
ist sie etwas höher (44,5%). 
Und zwar ist es die Bevölkerung im Alter von 14-60 Jahren, auf welcher die wirtschaitliche Leistungsfähigkeit beruht. 
Rund neun Zehntel der Männer dieses Alters üben eine Erwerbsthätigkeit aus. Das weibliche Geschlecht (hul dies in 
höherem Masse nur bis zum 30. Jahr (ca. 50%.0) — hauptsächlich als Dienstboten, sowie in Benifen der Landwirschalt, 
Cextilindustrie, Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe, der Rahrungs- und Genussmittelindustrie, in Gast- und Schankwirlschaft 
und im Waren- und Produktenbandel —, späterhin wird ihre Chätigkeil mehr durch die Aufgaben der Bausfrau in Anspruch) 
genommen, aber als solche, da nicht nach aussen hervorlretend, von der Statistik nicht registriert. 
Die Bauptgebiete wirtschaftlicher Beihätigung sind Landwirtschaft, Industrie, Bandel und Verkehr: 86°; der Reichsbevölkerung 
(44,7 Millionen Erwerbsthätige mit Angehörigen und Diensiboten) haben darin ihre Rahrungsquelle. Die meisten Menschen 
(20,3 Millionen oder 39,12%/0) versorgt die Industrie, nächst ihr die Landwirtschaft (18,5 Millionen oder 35,74°%/0); von 
Bandel und Verkehr leben 6 Millionen oder 11,52%. Armee, Bof- und Staatsdienst, Ireie Berufe ernähren zwar nur 5,48% 
der Bevölkerung (2,8 Millionen), doch zählen hierher recht bedeutungsvolle Elemente des Volkes der Denker, wie Beamte, 
Lehrer, Geistliche, Gelehrte, Künstler. Ausserdem sind noch 900000 Lobnarbeiter wechselnder Ari, sowie die 2,1 Millionen 
berufslosen Selbständigen, die mit ihren Dienenden und Angehörigen 3,3 Millionen ausmachen, zu erwähnen. 
In dieser beruflichen Gliederung weichen wir insofern von der des Auslandes ab, als der Anteil der Bevölkerung am land- 
wirtschaftlichen Erwerb gegenüber allen anderen grösseren Staaten des europäischen Kontinents, auch gegenüber den Ver- 
einigten Staaten von Amerika, sid) namhait geringer, nur im Vergleich zu Grossbritannien grösser darstellt; dagegen ist 
der industrielle Erwerb so mächtig entfaltei, dass nur Grossbrilannien uns in der Zahl dieser Erwerbsthätigen übertrifit; in 
  
absoluter Stärke der darin Erwerbsthätigen aber nur letzieres. 
Löst man die arossen Beruiszweige in Spezialberufe, deren die Statistik 207 unterscheidel, auf, so erweisen sich als 
am dichtesten besetzi die Berufe Landwirtschaft, Waren- und Produktenhandel, Maurer, Kohlengewinnung, Baugewerbe, 
Wirtschafisieben 1 u