Full text: Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

Die Torst- N Jahre sind im Leben eines Waldes keine Zeit, in der mehrere Baumgeneralionen vorüberziehen. Die Forstwirt- 
wirtschaft B schaft muss meist mit sehr langen Zeiträumen rechnen; das eigentlich charakteristische Gepräge erhält sie dadurch, dass 
von Prof. ihre Produkte, zumal die Bolzbestände, in der Mehrzahl nicht nach kurzer Frist erntereif sind, sondern vieler Jahre bedürfen, 
Dr. Cuisko um den Ansprüchen der Konsumenten genügen zu können und dadurch zur marktfähigen Ware zu werden. Der Wald als 
Lorey. Wirtschailsobjekt ist abhängig von seinen Beziehungen zur Gesamtheit der wirtschaftlichen Verhältnisse; letztere müssen 
bedingend sein für die ganze Einrichtung der Wirtschaft im Walde. Die tieigreiiende {lmgestaltung, welche alle wirtschaft: 
lichen Verhältnisse im 19. Jahrhundert erfahren haben, musste mithin auch weitgehende Veränderungen im Walde zur Folge haben, 
wenn auch aus dem eingangs angedeuteten Grunde die Waldwirischaft nicht jeder von aussen an sie berantretenden Anregung 
sofort und ohne Vorbehalt nachgeben kann. Das 19. Jahrhundert war für das Forstfach eine Periode allseitiger regster Entwickelung. 
Als ein auf vielfältige Beobachiung und Erfahrung gestülzter Beirieb, dessen einzelne Massregeln aber zum grossen Ceil noch 
der rechlen Begründung, auch wohl der Wecbselbeziehungen zu einander, des inneren Zusammenhanges entbehrlen, ist die 
Waldwirtschalt in das Jahrhundert eingetreten, — sie verlässi dasselbe in einem Stadium intensiver Durchbildung ihrer Technik 
und im Begriffe, sich zu einen wirklich rationellen, wissenschaftlich begründeten irtschafisbeirieb, zumal zu einer richligen 
finanzwirtschaftlichen Gebarung mehr und mehr herauszuarbeiten. Eilrige forstwissenschallliche Chätigkeil einerseits und dabei 
immer vollsiändigere Anpassung des Beiriebs an die Verhältnisse im (Wirischäftsleben des Volkes, immer weiter wirkende 
Einflussnahme des statischen Momentes, d. b. der Prüfung aller Wirtschaftsinasstegeln auf ihre Vorteilhaftigkeit, des Vergleichs 
zwischen ÄLirischallsaufwand und Wirtschaftserfolg, bilden die Siqnatur des Forstwesens am Ende des Jahrhunderts. 
Dem zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der Waldwirtschaft entscheidenden Grundsatze: „Erziehung von möglichst vielem und 
wertvollen Bolz auf der gegebenen Fläche" geben wir als Ergänzung mit aui den Weg ins neue Jahrhundert die Forderung: 
„mit möglichst geringen Kosten“. Darin liegt eine erhebliche UVerlielung und Erweiterung unserer wirtschaftspolilischen Hui. 
fassung; nicht möglichst hohe Roberträge, sondern ein Maximum des richlig bemessenen, vor allem unter VUeranschlagung 
sämtlicher Produktionskapitalien, auch des Bolzvorrates, ermittelten Reinerirags ist das Ziel der Wirtschaft. Wolle Klarheit in 
dieser Richtung anzubahnen, war dem 19. Jahrhundert vorbehalten; lebhalte Kämpfe um das Grundsätzliche der Renitabilitäts- 
beinessung sind in der zweiten hällte desselben durchgefochten worden unter reger Beteiligung auch der Nationalökonomen; 
die wirtschaftliche Natur des holzkapitals insbesondere wurde eifrigst erörtert. Der arösste Wäldreinertrag als Wirtschallsziel 
und der arösste Bodenreinertrag als solcher befehden sich freilich noch immer, aber die Cheorie hal sich im arossen und 
ganzen für letzteren entschieden; lanasam nur folgt ihren Forderungen die Praxis des Wirischaftsbeiriebs. Beide mehr und 
mehr in Einklang zu bringen, tritt als unabweisbare Forderung unter den Hulgaben des kommenden Jahrhunderts in den 
Jorderarund. - - Eine eigeniliche Forstwirtschaft ist erst erstanden, als die früher in unbeschränkier Fülle vorbandenen Wald- 
massen abnahmen, als die Üermehrung der Bevölkerung, deren Sesshaliwerden, damit zusammenhängende Waldrodung, 
gesteigerte Anlorderungen an die Erzeugnisse des Waldes erkennen liessen, dass nicht eine regellose, sondern nur eine 
planmässige Benutzung der Waldprodukte und gesicherte Nachzucht derselben für die Dauer die nötige Waldmenge und 
diese in geeigneter Uerleilung gewährleisten könne. Neben der Forsibenuizung und dem Waldbau fand vorab die Forst. 
einrichtung zur Sicherung der in der Befriedigung des Bedarfs an Waldprodukten zu jordernden Nachhaltigkeit verhältnismässig 
frühzeitige und weitgehende Ausbildung. Befreiung von jeder zu starren Schablonisierung wird dabei am Ende des Jahr 
hunderts mit besonderem Machdruck verlangt. 
War die Produktenerzeugung zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch ganz wesentlih aul grosse Massen von Brennholz 
gerichtet, so vollzog sich im Laufe desselben unaufhaltsam der debergang zu einer ausgeprägten Thuzholzwirschaft. Die 
rasche Ausbreitung der Brennholzsurrogate, zumal der Steinkohle, wie sie auf die Ersiehung zahlreicher Eisenbahnen natır- 
gemäss gefolgt ist, hat die frühere Bedeutung reiner Brennholzwälder verkürzt; je mehr eine Gegend dem Verkehr erschlossen 
wird, um so mebr trili jene zurück. Dies bedingte für die AWaldwirtschall einen wenigstens teilweisen Wechsel der Bolz: 
arten und eine Umgestallung im der Erziehung ihrer Bestände. Die Rotbuche zumal musste die frühere führende Rolle ein- 
büssen, die weitaus nutzbolztüdhligeren Dadelbölzer haben ihr den Rang abgelaufen. Meben ihnen wird den in hervor: 
ragendem Masse Dutzbolz liefernden Laubhölzern, wie Eiche, Esche, Ahorn u. s. w., besondere Aufmerksamkeit gewidmet. 
Manche Einseitigkeiten im Verdrängen oder Bevorzugen der einen oder anderen Holzart sind zu verzeichnen; die kommenden 
Jahrzehnie müssen, unter Berücksichtigung aller einschlagenden Verhältnisse, die richtige Vermittelung ansireben. 
Gleichzeilig mit dem Helzartenwechsel und mit durch denselben angeregt fand auch eine Werschiebung in der Art 
der Bestandesbegründung statt: während in der Buchen und Cannenhbochwaldwirtschail die natürliche Verjüngung der 
Bestände Prinzip ist, hat im Laufe des 19. Jahrhunderts die künstliche Hestandesbegründung durch Saat und Pilanzung in 
solchem Umiange Eingang und Verbreilung gelunden, dass man, ins Extrem geratend, die natürlihe Samenverjüngung 
in weiten Waldgebieten auch in Fällen, wo ihre Vorzüge überwogen, völlig bintanseizie. „Rückkehr zu den natür- 
liben Vorgängen im Leben des Waldes!“ ist deshalb die Forderung, welche der Waldbau im letzten Dritiel des zu 
Ende gehenden Jahrhunderts mit aller Energie erhoben hat. Zu verhüten, dass auch hierin wiederum zu weit gegangen 
    
  
Die Notwendiakeit reichlicher Autzholzlieferung bringi gesteigerte Chätigkeil im Gebiete der Bestandeserziehung mit sich. 
Möglichst viele hochwerlige Stämme sollen in thunlichst kurzer Zeit anfallen; die Umiriebszeit, der für alle Rentabilitäts- 
berechnung so einschneidende Derzinsungszeitraum, soll möglichst abaekürzi werden. Schon bei der Wahl der Holzart ist 
Ausnuizung jeder Bodenparfie nach ihrer besonderen Beschafienheit die Losung; dann aber im erwachsenden Bestande 
Wirischaftsleben 18