Frankreich. (Aug. 31 — Sept. 29.) 417
Lesseps erklärt indeß, er sei des schließlichen Erfolgs doch sicher und
werde felbst nach Amerika gehen, um an Ort und Stelle Alles zu
prüfen und vorzubereiten.
31. August. Blanqui tritt in Bordeaux neuerdings als Can-
didat für einen Sitz in der Kammer auf und bringt es vorerst
wenigstens zur Stichwahl.
3. September. Ankunft der ersten amnestirten Communards
aus Neucaledonien in Frankreich. Die Radicalen benützen die Ge-
legenheit und die Stimmung, um ihre Agitation für eine allgemeine
Amnestie schwunghafter als je zu betreiben.
4. September. Der Abgeordnete Paul Bert hat seinen Ent-
wurf eines allgemeinen Unterrichtsgesetzes vollendet und veröffent-
licht ihn. Derfelbe zählt 111 88 und soll der Kammer alsbald bei
ihrem Wiederzusammentritt vorgelegt werden. Der Entwurf seßzt
den obligatorischen unentgeltlichen Unterricht durch weltliche Lehrer
fest und erklärt den Religionsunterricht für facultativ in Zwischen-
stunden. Der Staat leitet das gesammte Volksschulwesen; Geistliche
können unter gewissen Bedingungen Privatschulen errichten.
Die Ferry'schen Gesevorlagen erhalten durch den Entwurf eine ihnen
keineswegs förderliche Illustratiom. Nach dem Bert'schen Elaborat wird der
Religionsunterricht gänzlich in den öffentlichen Schulen abgeschafft, und nur
geduldet, daß derselbe chein be der Unterrichtsstunden und des Schulge-
bäudes von den betreffenden Cultusdienern ertheilt werde, welche sich hiebei
den Anordnungen der zustehenden Schulbehörden zu fügen haben. Nur die
Kinder der Eltern, welche ausdrücklich ein entsprechendes Gesuch gestellt,
dürfen an diesem Neligionsunterricht theilnehmen. Die Cultusdiener wie
die Mitglieder religiöser Congregationen, Orden und Vereine sind von den
öffentlichen Schulen ausgeschlossen. Gongregelionisten dürfen nur dann freie
Schulen errichten und leiten, wenn sie die Staatsprüfung abgelegt und ihr
Orden vom Staat autorisirt ist. Die Beseitigung der Ordensleule und des
Religionsunterrichts erscheint demnach als das Ziel, welches auch bei den
Ferry'schen Vorlagen gesteckt sei. Durch das Bekanntwerden des Paul Bert'
chen Gesebentwurfes wird daher der Widerstand gegen die Ferry'schen Gesetze
nur gesteigert.
14. September. Blanqui unterliegt in Bordeaux in der Stich-
wahl doch mit 4440 Stimmen gegen 4698, welche auf den gemäßigten
Republikaner Achard fallen.
Mitte September. Die öffentliche Meinung geht auf die
Lockungen Gortschakoffs bez. eines Bündnisses mit Rußland gegen
Deutschland (s. Rußland) nicht ein. Die Blätter sprechen sich dar-
über durchweg sehr kühl aus.
29. September. Die Legitimisten erlassen gelegentlich des Ge-
burtstages des Grafen Chambord wiederum eine Adresse an denfelben,
Schulihess, Uurop. Geschichtslalender. XX. Wd. 27
Zoasods