Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenter Jahrgang. 1891. (32)

298  Mebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1891.

lassen,  so  möge  denn  eine  katholische  Demokratie  an  ihre  Stelle
treten.  Bald  gingen  die  Gedanken  weiter:  der  Papst  hat  großen
Einfluß  auf  die  deutschen  und  polnischen  Katholiken:  wie  wenn  er
diesen  Einfluß  verwertete,  beim  Ausbruch  des  Weltkrieges  die  Polen
von  einer  Erhebung  gegen  Rußland  abzuhalten,  dann  deutsche  und
italienische  Katholiken  zu  revolutionären  Bewegungen  zu  verlocken?
Wäre  das  nicht  Leistung  genug,  um  als  Lohn  von  den  Franzosen
die  Wiederherstellung  des  Kirchenstaats  zu  erwarten?  Gegen  den
Dreibund  schien  sich  ein  Gegen  -Dreibund,  zusammengesetzt  aus
Frankreich,  Rußland  und  der  katholischen  Kirche  zu  bilden.  Eine
groteske  Zusammenstellung  der  disparatesten  Elemente  Europas,  republikanischer
  Radikalismus,  asiatischer  Despotismus,  Mönchtum;
Jakobiner,  Kosak  und  Jesuit;  rote  Mütze,  Kutte  und  Knute;  aber
daß  im  Jahre  1891  an  dieser  Koalition  ernsthaft  gearbeitet  ist,
unterliegt  keinem  Zweifel.  Am  meisten  betroffen  waren  über  solche
Politik  natürlich  die  deutschen  Katholiken,  welche  laut  und  leidenschaftlich
  —  nicht  jedoch  ohne  daß  sich  aus  ihrem  Lager  auch  Gegenstimmen
  erhoben  hätten  (vgl.  S.  105;  108;  112  ff.)  —  gegen  die
ganze  Vorstellung  protestierten  und  es  für  eine  Unwahrheit  erklärten,
  daß  der  heilige  Vater  selbst  solchem  abgeschmackten  Phantome
  nachjage.

Ganz  im  Gegensatz  zu  diesen  Machenschaften,  die  doch  auch
vielen  Streitern  in  den  beteiligten  Lagern  selbst  zuwider  waren,
lief  auf  einmal  der  entgegengesetzte  Argwohn  durch  die  Welt,  daß
nämlich  Italien  vom  Dreibunde  losgelöst  werden  solle.  Das
wäre  um  so  wichtiger,  als  mit  Italien  auch  England,  das  hauptsächlich
  an  der  Erhaltung  des  status  quo  im  Mittelmeere  interessiert
  ist,  dem  Dreibunde  weiter  entfernt  werden  würde.  Der  russische
  Minister  des  Auswärtigen,  von  Giers,  der  aus  Gesundbeitsrücksichten
  Westeuropa  aufgesucht  hatte,  begab  sich  nach  Italien,
hatte  eine  Zusammenkunft  mit  dem  Marquis  Rudini  und  wurde
vom  König  Humbert  in  Monza  empfangen.  (Vgl.  S.  252.)  Schwerlich
  ist  es  hier  jedoch  zu  irgend  welchen  politischen  Abmachungen
gekommen.

Einen  positiven  Gewinn  hat  die  russische  Politik  am  Bosporus
  zu  verzeichnen  gehabt.  Rußland  besitzt  auf  dem  Schwarzen