Full text: Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenter Jahrgang. 1891. (32)

32 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 3.—6.) 
mit ihm. Nun kommt Künzel hin, geht ans Land, hat eine Holzsägemaschine 
und fängt an, Holz zu sägen, von dem es im höchsten Grad zweifelhaft ist, 
ob es ihm gehörte. (Heiterkeit links.) Als er daran gehindert wird — der 
Sultan citierte ihn in die gute Stadt Witu; da wird er interniert —, das 
gefällt ihm nicht; er stellt sich auf den Markt und braucht einen Ausdruck 
gegen den Sultan, die rechtschaffene Behörde von Witu, den hier zu wieder- 
holen ich Anstand nehme. Darauf kommt es zum änßersten, und nicht allein 
Künzel, sondern andere Deutsche büßten ihr Leben und Eigentum ein. Sie 
werden mir zugeben, daß solche Vorgänge peinlich sind, wenn man darauf 
einer anderen Regierung gegenüber Schritte gründen soll. Nichtsdestoweniger 
hat die deutsche Regierung gethan, was sie thun konnte, und fährt noch 
fort, die Ansprüche der Geschädigten oder deren Erben so entschieden als 
möglich zur Geltung zu bringen. Wenn der Herr Abg. von Cuny wünschen 
sollte, privatim über die Rechtslage orientiert zu werden und über den gegen- 
wärtigen Stand der Verhandlungen, so würde der Herr Staatssekretär des 
Auswärtigen Amts gern geneigt sein, diese Auskunft zu geben; wenn das 
hier vor der Oeffentlichkeit geschähe, so müßte ich besorgen, daß die Inter- 
essen der Geschädigten noch mehr geschädigt würden, als sie es ohnehin sind. 
(Hört, hört! links.) 
Das dritte Gravamen des Herrn von Cuny war der Neera-Fall. Die 
gegenwärtige Regierung, wenn ich den Herrn Abgeordneten recht verstanden 
habe, hätte nicht gethan, was sie thun konnte, um den Herrn Peters und 
wer sonst an der Neera beteiligt war, hinreichend zu vertreten. Ich will 
jetzt vorlesen, was unter dem 28. März 1889, also ehe die gegenwärtige, 
von Herrn von Cuny getadelte Regierung ihr Amt antrat, an den Grafen 
Hatzfeldt in London von hier aus telegraphiert worden ist: 
Ew. Exzellenz sind ermächtigt, Lord. Salisbury gegenüber gelegent- 
lich zu wiederholen, daß die Expedition Peters das Reich nichts angeht 
und er und seine Begleiter für uns Privatreisende sind, bei deren Unter- 
nehmen wir uns von jeder Förderung fernhalten. Der Reichskanzler 
würde es natürlich finden, daß England bewaffneten Zügen den Durch- 
marsch durch seine Interessensphäre in Ost-Afrika versagt. (Hört, hört! 
Links.) 
Vielleicht hat der Herr Abg. von Cuny die Güte, anzuerkennen, daß 
nach diesem Vorgang die jetzige Regierung kaum in der Lage war, die An- 
sprüche an die Neera anders zu vertreten, als sie es gethan hat. (Sehr richtig! 
Bravo links.) 
Abg. Dr. Barth erklärt: 
Seine Partei habe sich gehütet, in der Kolonialpolitik einen einzigen 
Schritt zu thun, der ihr ausgelegt werden könnte, als ob sie geneigt wäre, 
überhaupt Kolonialpolitik zu treiben. Seine Partei würde lieber heute als 
morgen liquidieren. Eine Kolonialpolitik, wie sie getrieben werde, sei un- 
zweckmäßig und unwirtschaftlich. Seine Partei habe diesen Standpunkt nicht 
verlassen und markiere dies dadurch, daß sie, trotzdem sie jetzt in hohem Maße 
durch die Ausführungen des Reichskanzlers befriedigt sei, die 3½ Millionen 
nicht bewillige, weil sie die starke Einmischung des Deutschen Reiches in Ost- 
Afrika nicht wünsche. Dahingegen sei sie heute noch wie früher bereit, die 
etwaigen Liquidationskosten im weitesten Sinne des Wortes zu bewilligen. 
Wenn man ihr einen Weg angeben wolle, auf dem sie aus Ost-Afrika qua 
Reich herauskomme, sei sie bereit, die Mittel dazu zu bewilligen. Die Schaf- 
fung einer Kronkolonie bezeichne ein neues Stadium der Kolonialpolitik. 
Daß seine Partei dies nicht mitmachen wolle, bringe sie durch die Ablehnung 
der 3½ Millionen zum Ausdruck.
	        
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