Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 23.) 13
trug. Mit Einführung des amerikanischen Schweinefleisches, ferner mit der
erleichterten Vieheinfuhr über die Ostgrenze fielen die Preise für Fleisch
derart, daß die Schweinehaltung nicht mehr rentabel blieb. Namentlich
litten hierunter der landwirtschaftliche Kleinbesitz und der Arbeiter, die im
Osten Deutschlands die Aufzucht und Mästung des Schweines hauptsächlich
betreiben. Haben sich auch die Preise für Schweinefleisch neuerdings infolge
der schlechten Kartoffelernte des Vorjahres und der dadurch bedingten geringeren
Aufzucht wieder etwas gehoben, so darf doch auf eine andauernde
Besserung dieses Zustandes jetzt nicht mehr gerechnet werden. Auch die
Rindviehaltung bietet, mit Ausnahme des an der Hand des Genossenschaftsgesetzes
bisher noch in guter Entwickelung begriffenen Meiereiwesens, für
uns eine lebhafte Sorge. Wenngleich ein Vieheinfuhrverbot noch besteht,
so wurde doch im vorigen Jahre ausnahmsweise 150 Städten gestattet, über
die Ostgrenze Rindvieh für ihren Fleischkonsum einzuführen. Die gleiche
Erlaubnis ist 137 Städten für den Import von Schweinen gewährt. Ohne
nun im einzelnen Falle den strikten Beweis erbringen zu können, daß ein
ursächlicher Zusammenhang zwischen dieser Lockerung des Einfuhrverbotes
und der gleichzeitig damit heftig auftretenden Maul- und Klauenseuche besteht,
so wird dieses doch von den Autoritäten auf dem Gebiete des Veterinärwesens
übereinstimmend als sicher hingestellt. Spontan entwickelt sich die
Seuche nicht, dagegen herrscht sie wegen der in der Natur der Verhältnisse
liegenden unüberwindlichen Schwierigkeit der Kontrole in den östlichen Nachbarstaaten
andauernd. Es ist hiernach die Schlußfolgerung gerechtfertigt,
daß die Rücksicht auf den Konsum in den Städten uns eine schwere Schädigung
am Nationalvermögen eingebracht hat und fortgesetzt einbringt. Sachkundige
und objektive Beurteiler der Verluste aus der jetzt herrschenden Verseuchung
nehmen an, daß an Geldwert innerhalb des vorigen Jahres gegen
40 Millionen Mark der Landwirtschaft verloren gingen. Hierbei sind die
schweren Verluste noch gar nicht einmal eingerechnet, die dem Organismus
des Milchviehs dauernd aus der Seuche erwuchsen, wie auch nicht die Schädigung
unseres einstmals so ungemein blühenden Exports in das westliche
Ausland. Dieser Markt ist für Deutschlands Viehzucht nach menschlichem
Urteil auf sehr lange Zeit fast gänzlich verloren gegangen, eine Lücke, die
den derzeitigen schweren Notstand ganz wesentlich mit begründet. Anlangend
sodann die Schafzucht, die Preußens Könige in der Monarchie einst begründeten,
so fiecht dieselbe unaufhaltsam dahin, mit unersetzlichem Verlust
für die leichten Böden und extensiven, weil kapitalarmen landwirtschaftlichen
Betriebe der alten Provinzen Preußens. Der Schafbestand in Preußen betrug
im Jahre 1873 noch 19,666,794 Stück, dagegen im Jahre 1883 nur
14.752,328 Stück, mithin etwa 5 Millionen weniger; eine zum mindesten
gleiche Verringerung für den Zeitraum von 1883—1892 lassen die Ergebnisse
der letzten Viehzählung mit Sicherheit erwarten. Die Schafzucht Deutschlands,
dieser für die Landwirtschaft einst so blühende Produktionszweig,
wird vernichtet durch ihre Preisgebung zu Gunsten der Interessen der deutschen
Textilindustrie. Niemals ist der Anlage unserer großen Kapitalien
in der Schafzucht irgend ein wirkungsvoller Schutz seitens des Staates gewährt,
man hat hier unsere Interessen rücksichtslos der mit hohen Schutzzöllen
allezeit arbeitenden Industrie einfach geopfert. Millionen hat die
deutsche Schafzucht im Interesse der Entwickelung unserer Industrie einbüßen
müssen! Mit dem Niedergange der Wollzucht warf sich die Landwirtschaft
auf die Zucht von Fleischschafen und deren Mästung. Dieser Anlauf, in
welchen wieder bedeutsame Kapitalien eingesetzt wurden, war wirkungslos,
da kein Handelsvertrag für unseren Export sorgte und die Verseuchung
Deutschlands uns überdies die Märkte des Auslandes verschloß. Weder in