Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  10./11.)  181

geht  das  über  das,  was  man  für  Pflicht  und  Aufgabe  eines  Rats  in
solcher  verantwortlichen  Stellung  hält.  Hat  der  Reichskanzler  sich  lediglich
  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  das,  was  in  diesen  Schriftstücken  enthalten
  ist,  tatsächlich  richtig  ist,  dann  würde  man  allerdings  sagen  müssen,
daß  die  Fragestellung  und  Auskunftserteilung  nicht  ganz  besonders  glücklich
  war.  Man  mag  die  Sache  drehen  und  wenden,  wie  man  will,  das
muß  anerkannt  werden,  daß  hier  Mängel  im  Betriebe  obgewaltet  haben.
Aber  das  ist  nicht  das  wichtigste,  sondern  die  Frage  der  Verantwortung
für  die  Vorgänge,  die  hinter  diesen  Veröffentlichungen  liegen.  Wir  stehen
auf  dem  verfassungsmäßigen  Standpunkte,  daß  für  die  Regierungsakte  des
Kaisers  der  Kaiser  nicht  verantwortlich  ist,  sondern  daß  allein  der  Reichskanzler
  die  Verantwortung  trägt.  Der  Reichskanzler  hat  früher  gerade
zu  der  Frage,  wie  weit  seine  Verantwortung  auf  Gegenstände  dieser  Art
reicht,  sich  klar  und  unzweideutig  ausgesprochen,  und  meine  politischen
Freunde  haben  in  der  bestimmtesten  Weise  ihm  zugestimmt,  daß  wir  in
dem  Punkte  zweifelhaft  nicht  mehr  sein  können.  Wir  halten  an  diesen
ausgesprochenen  Grundsätzen  auch  heute  noch  fest,  und  der  Reichskanzler
sicherlich  auch.  Aber  ich  weiß  nicht,  ob  der  Reichskanzler  nicht  selbst  die
Empfindung  hat,  ob  er  den  Nachdruck  in  der  gehörigen  Weise  immer  hat
in  die  Erscheinung  treten  lassen,  und  daß  da  vielleicht  noch  Entschiedeneres
hätte  geschehen  müssen  und  in  der  Zukunft  geschehen  muß,  wenn  Vorgänge
dieser  Art  verhindert  werden  sollen.  Es  wäre  ungerecht,  in  diesem  Augenblick
  zu  verkennen,  was  der  Reichskanzler  in  seiner  Tätigkeit  für  das
Deutsche  Reich  und  das  deutsche  Volk  getan  hat.  Das  ist  nicht  so,  als
daß  man  bei  einer  einzelnen  Frage  durch  ein  Votum  mir  nichts  dir  nichts
auslöschen  kann,  was  viel  Arbeit,  was  viel  Pflicht,  was  viel  Geschick  und
viel  Vaterlandsliebe  bedeutet  hat.  Wenn  Sie  (zu  den  Sozialdemokraten)
das  tun  wollen,  dann  seien  Sie  überzeugt,  daß  Sie  im  Interesse  des
Vaterlandes  nicht  handeln.  Wir  haben  das  Vertrauen  zum  Reichskanzler,
daß  er  eine  richtige  Antwort  auf  die  Frage  geben  wird.  Niemand  wird
sich  darüber  mehr  freuen  und  niemand  würde  mehr  Anlaß  haben,  diesen
Tag  doch  noch  als  einen  segensreichen  anzusehen,  als  das  ganze  deutsche
Vaterland.  Deshalb  hoffe  ich,  daß  die  Antwort  des  Reichskanzlers  ehrlich,
entschieden,  aber  auch  eine  Hoffnung  für  die  Zukunft  sein  wird,  und  damit
  können  wir  den  heutigen  Tag  beschließen.  (Lebhafter  Beifall  rechts.)

Abg.  Fürst  Hatzfeld  (Rp.):  Meine  politischen  Freunde  sind  der
Ueberzeugung,  daß  unser  Vaterland  durch  die  Vorgänge  der  letzten  Zeit
nicht  an  Vertrauen  und  Ansehen  verloren  hat,  wie  vielfach  befürchtet  wird.
Wir  in  unserer  Partei  stellen  die  monarchische  Gesinnung  in  den  Vordergrund.
  Um  so  mehr  haben  wir  uns  für  verpflichtet  gehalten,  den  Reichskanzler
  über  diese  Vorgänge  zu  befragen.  Nach  der  Reichsverfassung,
welche  von  dem  Fürsten  Bismarck  geschaffen  und  auf  sein  persönliches  Maß
zugeschnitten  worden,  ist  der  Reichskanzler  die  allein  verantwortliche  Persönlichkeit,
  und  wir  fragen  ihn,  ob  er  für  die  Zukunft  ähnliche  Vorgänge
zu  verhindern  in  der  Lage  ist.  In  dem  gegenwärtigen  Stadium  glaube
ich  mich  auf  diese  wenigen  Worte  beschränken  zu  sollen.  Von  dem  Inhalt
der  Antwort  des  Reichskanzlers  werden  wir  unsere  weitere  Stellungnahme
abhängig  machen.  (Beifall.)

Reichskanzler  Fürst  v.  Bülow:  Meine  Herren,  ich  werde  nicht  auf
alle  Punkte  eingehen,  die  von  den  Herren  Vorrednern  hier  soeben  berührt
worden  sind.  Ich  muß  auf  die  Wirkung  meiner  Worte  im  Auslande  sehen,
und  ich  will  nicht  neuen  Nachteil  zu  dem  großen  Schaden  hinzufügen,  der
durch  die  Veröffentlichung  des  „Daily  Telegraph“  schon  angerichtet  worden
ist.  (Hört,  hört!  links  und  bei  den  Sozialdemokraten.)  In  Beantwortung