Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunundzwanzigster Jahrgang. 1913. (54)

514  Großbritannien.  (August  15.—28.)

begründeter  Auffassung  im  Frieden  nur  die  Finanzen  der  Türkei  noch  mehr
belasten  und  im  Fall  eines  Krieges  für  sie  eine  dauernde  Schwäche  bedeuten.
  Die  Linie  Enos—Midia  wäre  vielleicht  nie  zustande  gekommen,
wenn  man  nicht  gewußt  hätte,  daß  eine  oder  mehrere  Großmächte  interveniert
  haben  würden,  wenn  im  Kriege  zwischen  der  Türkei  und  den  Verbündeten
  die  Frage  Konstantinopels  und  der  Meerengen  aufgeworfen
worden  wäre.  Dann  wäre  die  türkische  Grenze  vielleicht  nicht  so  vorteilhaft
  ausgefallen,  als  es  jetzt  der  Fall  ist.  Wenn  es  direkt  den  Großmächten
zu  danken  ist,  daß  der  Londoner  Friede  an  der  Linie  Enos—Midia  Halt
machte,  so  sind  die  Mächte  berechtigt,  ihre  Wünsche  in  Konstantinopel  bekannt
  zu  geben  und  Rat  zu  erteilen,  wenn  es  sich  darum  handelt,  die
türkische  Grenze  festzusetzen.  Die  britische  Politik  der  Türkei  gegenüber  besteht
  darin,  die  türkische  Herrschaft  und  ihre  Unverletzlichkeit  in  ihrem
asiatischen  Gebiete  und  dem  Gebiet  jenseits  der  Linie  Enos—Midia  zu  befestigen
  und  zu  sichern.  Diese  Politik  hängt  aber  von  dem  guten  Willen  der
übrigen  europäischen  Mächte  ab.  England  allein  kann  diese  Politik  nicht  erfolgreich
  durchführen:  denn  viele  andere  Mächte  haben  auch  ein  Interesse  an
der  asiatischen  Türkei.  Was  geschehen  kann,  muß  auf  Grund  allgemeiner  Zustimmung
  geschehen.  Der  gute  Wille  der  Mächte  kann  aber  nichts  erreichen,
wenn  die  Türkei  ihren  Rat  betreffs  Adrianopel  und  Thrazien  nicht  befolgt.
In  diesem  Falle  wäre  jene  Politik  gesichert.  Früher  oder  später,  sei  es
durch  finanzielle  Not  oder  durch  die  bewaffnete  Intervention  einer  oder
mehrerer  Mächte,  deren  Rat  verschmäht  wurde,  würde  Unheil  über  die
Türkei  hereinbrechen,  vor  dem  wir  sie  nicht  schützen  könnten.

15.  August.  Schluß  des  Parlaments  mit  einer  Thronrede.

Darin  heißt  es:  „Der  kürzlich  erfolgte  Besuch  des  Präsidenten  der
französischen  Republik  in  meiner  Hauptstadt  war  eine  Quelle  großer  Befriedigung
  für  mich,  und  die  Sympathiekundgebungen,  zu  denen  er  den
Anlaß  gab,  lieferten  eine  neue  Gewähr  für  die  Fortdauer  herzlicher  Freundschaft,
  welche  die  beiden  Länder  verbindet.  Die  vom  Präsidenten  der
Argentinischen  Republik  zu  uns  gesandte  Sondermission,  die  den  Dank  der
argentinischen  Regierung  und  des  Volkes  für  das  warme  Interesse  überbringen
  sollte,  das  mein  seliger  Vater  bei  der  Jahrhundertfeier  der  Republik
  äußerte,  kann  nur  die  guten  Beziehungen  stärken,  die  glücklicherweise
  schon  so  lange  bestehen.  Die  Konferenz  der  Delegierten  der  Balkanstaaten
  begann  ihre  Sitzungen  im  Frühjahr  und  wurde  sich  über  die  Bedingungen
  des  Friedensvertrages  einig.  Ich  bedauere  es  sehr,  daß  die
Feindseligkeiten  zwischen  den  verschiedenen  Nationalitäten  einen  neuen
Kriegszustand  schufen,  der  von  vielen  bedauernswerten  Zwischenfällen  begleitet
  war.  Es  ist  befriedigend,  daß  die  Konferenz  der  Kriegführenden  in
Bukarest  zu  einer  Beendigung  der  Feindseligkeiten  führte,  die  hoffentlich
eine  dauernde  sein  wird.  Es  gereicht  mir  zur  großen  Genngtuung,  daß
die  Großmächte  fortgesetzt  miteinander  in  Fühlung  blieben,  und  daß  meine
Regierung  alles  getan  hat,  um  den  Austausch  der  Anschauungen  und  die
Gemeinsamkeit  im  Vorgehen  durch  die  Botschafter  in  London  zu  erleichtern.“

26.  August.  Rücktritt  des  Botschafters  Cartwright  in  Wien.

An  seine  Stelle  tritt  der  Botschafter  in  Madrid  de  Bunsen.  Der
englische  Gesandte  in  Lissabon  Hardinge  geht  nach  Madrid.  Die  amtliche
Mitteilung  über  die  Demission  des  englischen  Botschafters  Cartwright  besagt,
  daß  er  aus  privaten  Gründen  demissioniert  habe.

28.  August.  (Brighton.)  Buchhändler  Bernard  Alfred
OLuaritch  f.  42  Jahre  alt.