Beutsches Reich. (Oktober 9.—10.) 885
Welt überrascht durch die Größe unserer Machtentfaltung. Wir können die
Welt jetzt mit dieser Macht und Kraft nur versöhnen, wenn wir ihr beweisen,
daß hinter dieser Macht auch ein Weltgewissen steht. Hindenburg
und Ludendorff haben ganze Staatengebilde aus den Angeln gehoben. Wir
haben der Welt gezeigt, daß wir nicht als Bedrücker, sondern als Befreier
kommen, und wir können nicht im Westen eine andere Politik machen als
im Osten, wo wir den Gedanken der Befreiung auf unsere Fahne geschrieben
haben. (Lebh. Beif. I.)
Abg. Dr. Stresemann (Natl.): Die Ausführungen des Vorredners
über die Schuld an diesem Weltkriege waren höchst dankenswert. Wir sind
leider in diesen Weltkrieg diplomatisch ganz ungerüstet eingetreten. Auch
das deutsche „Weißbuch“ macht in dem, besonders was es nicht enthält,
den Eindruck einer schnell und mühsam zusammengestoppelten Arbeit, die
nicht dem entspricht, was auf dem Spiele stand, um zur Aufklärung der
Welt beizutragen. Ich verstehe vollkommen, wenn der Vorredner in objektiver
Weise die Schuldfrage nicht einseitig beantworten wollte, wenn er die
Frage aufgeworfen hat, inwieweit Deutschland eine Mitschuld trifft. Ich
kann es aber nicht für richtig halten, wenn er über Persönlichkeiten, die
vielleicht berufen sind, mindestens bei dem Friedenswerk Deutschlands Interessen
zu vertreten, in so herber Weise geurteilt hat, wie beispielsweise
über den Fürsten Bülow. Ueber die Frage, ob die Politik des Fürsten
Bülow immer eine klare Linie gewesen ist, läßt sich streiten. Andererseits
hatte er mit Hemmungen zu kämpfen, die in der deutschen Verfassung
liegen, und mit anderen Hemmungen, die eine Politik, wie er sie wünschte,
erschwerten. Nie ist unsere militärische Lage glänzender gewesen wie jetzt,
wie Hindenburg festgestellt hat. Auch von feindlicher Seite wird das anerkannt.
Das danken wir der genialen Führung unseres Heeres und unserer
Marine. Inzwischen ist der U-Bootkrieg seinen Gang gegangen. Es sind
törichte Gerüchte über die geringe Wirkung der deutschen U-Boote in die
Oeffentlichkeit gekommen. Was von dem U-Bootkriege erhofft wurde, ist in
bezug auf die feindliche Tonnage nicht nur erreicht, sondern um mehr als
die Hälfte übertroffen worden. Was wollen 680000 Br.-Reg.-To. an neuen
engl. Schiffen bedeuten gegenüber den Verlusten! Freilich ist seit dem 1. Febr.
die Lage für uns schwerer geworden. Neue Feinde sind zu den alten
hinzugetreten. Ich bin der letzte, der die Wirkung der Kriegserklärung nicht
nur der Ver. Staaten leicht nimmt. Diese Kriegserklärungen sind ein Stück
des gegen uns geführten Wirtschaftskrieges. Zur Verwicklung der Lage
hat aber auch die Unzulänglichkeit unserer diplomatischen Vertretung im
Auslande viel beigetragen. Zusammen mit der Frage des U-Bootkrieges
hat man auch die Tätigkeit des früheren Staatssekretärs des Reichsmarineamts
kritisiert. Ich bedaure, daß man ihn mit einem Wallenstein verglichen
hat. Dieser war ein Verräter. Einen so um Deutschland verdienten Mann
darf man unter keinen Umständen in eine solche Verbindung bringen.
Tirpitz war immer der Vertreter desjenigen Gedankens unserer Auslandspolitik,
daß ein Gegensatz zwischen England und Deutschland unvermeidlich
sei angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands. Mit dem Auge
auf England gerichtet, hat Tirpitz die deutsche Flotte gebaut. Ich bedaure,
daß jetzt anscheinend innerpolitische Gegensätze den Blick trüben bei der
Beurteilung der Tätigkeit dieses Mannes. Herr v. Kühlmann hat gestern
zu der Friedenskundgebung des 19. Juli Stellung genommen. Ich glaube,
daß manche Gedankengänge nicht mit dem übereinstimmen, was viele meiner
Freunde denken. Das kann mich jedoch nicht verhindern, meiner großen
Freude und Genugtuung über seine Ausführungen sowohl nach Form wie
nach Inhalt hier Ausdruck zu geben. Die Hoffnung, daß durch die Friedens-