Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Stalien.  (Oktober  17.—25.)  523

die  gegenständlichen  Bedingungen  des  künftigen  Friedens  geboten.  Die
Zentralmächte  strebten  den  Beginn  von  Verhandlungen  unter  den  Kriegführenden
  an,  ohne  daß  sie  sich  zuvor  auf  ein  genaues  Schema  von  als
Verhandlungsgrundlage  geeigneten  Bedingungen  festlegten,  nur  weil  sie  auf
die  Ergebnisse  der  Erschlaffung,  welche  die  Nachricht  von  der  Einleitung
von  Verhandlungen  in  den  friedenwünschenden  Gemütern  der  feindlichen
Bevölkerungen  erwecken  würde,  spekulieren.  Die  Mittelmächte  hofften,  wenn
sie  einmal  auch  mittels  vager  inoffizieller  mündlicher  Erklärungen  über
ihre  Geneigtheit  zu  Zugeständnissen  an  Frankreich  oder  Italien  gegenüber
einem  vermittelnden  Dritten  zu  Verhandlungen  mit  den  Verbündeten  gelangt
  wären,  ohne  weiteres  zweierlei  zu  erreichen:  erstens  Zwiespalt  unter
den  Verbündeten,  indem  sie  größere  Zugeständnisse  zugunsten  einer  Macht
von  der  Kürzung  der  Aspirationen  der  anderen  Macht  oder  geradezu  von  der
Erlangung  positiver  Kompensationen  zu  Lasten  eines  dritten  Verbündeten
abhängig  machen  würden,  zweitens  Erweckung  eitler  Täuschungen  in  den
friedensdurstigen  Völkern,  damit  die  demokratischen  verbündeten  Regierungen
sich  zur  Annahme  auch  der  härtesten  Bedingungen  genötigt  sehen,  weil  sie
den  öffentlichen  Geist  ihrer  Länder  nicht  mehr  zu  einer  kräftigen  Wiederaufnahme
  der  Feindseligkeiten  zu  bringen  vermöchten.  Mit  Abrüstung  und
Schiedsspruch  seien  alle  Kriegführenden  theoretisch  einverstanden,  aber  die
Verwirklichung  erscheine  nicht  leicht.  Die  Freiheit  der  Meere  bestreite  im
Krieden  niemand,  aber  im  Kriege  sei  sie  schwer  geltend  zu  machen,  wie
die  Zentralmächte  selbst  zeigen.  Das  Kriegsrecht  kenne  keine  andere  Garantie
mehr  als  das  Besitzpfand  und  keine  andere  Sankiion  als  die  Ausübung
von  Repressalien.  S.  spricht  dann  von  dem  Vorschlag  des  Papstes  eines
gegenseitigen  Verzichtes  auf  Kriegsentschädigungen  mit  einigen  Ausnahmen
aus  besonderen  Gründen.  Die  belgische  Frage  verdient,  getrennt  und
ausdrücklich  in  der  Papstnote  behandelt  zu  werden  und  nicht  bloß  stillschweigend
  unter  den  möglichen  Ausnahmen  von  der  Regel  eines  Verzichtes
auf  Entschädigungen  aufgeführt  und  dann  nur  als  eines  all  der  Beispiele
für  die  Räumung  der  besetzten  Gebiete  erwähnt  zu  werden,  denn  bei
Velgien  handle  es  sich  nicht  um  Gebiete,  die  infolge  direkter  und  unvermeidlicher
  Ereignisse  eines  loyal  und  nach  den  Regeln  des  Völkerrechts  geführten
Krieges  in  Mitleidenschaft  gezogen  worden  seien,  sondern  um  eine  offenbare
  und  skandalöse  Verletzung  aller  Gesetze  des  Krieges  und  des  Friedens,
sa  der  Grundsätze  des  guten  Glaubens.  Einfach  die  belgische  Frage  durch
Zurückgabe  oder  Austausch  gegen  andere  besetzte  Gebiete  zu  lösen,  sei  eine
Entstellung  der  Sachlage  und  eine  Verwechselung  verschiedener  Dinge.  Die
Pavstnote  mache  keinerlei  Vorbehalt  für  die  Rückgabe  derjenigen  Gebiete,
die  Gegenstand  besonderer  Streitigkeiten  zwischen  verschiedenen  Mächten
seien  und  mit  Bezug  auf  die  der  Papst  den  Wunsch  ausdrücke,  daß  man
sie  in  versöhnlichem  Geiste  unter  gerechter  Berücksichtigung  der  Bestrebungen
der  Bölker,  soweit  dies  möglich  sei,  löse.  Die  so  formulierte  Aufforderung
bilde  zweifellos  den  bedeutungsvollsten  und  originalsten  Teil,  den  Lichtpunkt
  der  Papstnote,  obwohl  sie  keine  mögliche  und  praktische  Grundlage
für  den  Beginn  irgend  einer  Verhandlung  bilde.  Hierauf  hätten  die  Mittelmächte
  durch  die  Reden  des  Grafen  Czernin  und  von  Kühlmanns  sowohl
mit  Bezug  auf  die  von  Italien  wie  die  von  Frankreich  geforderten  Gebiete
  mit  einem  „Nein,  niemals“  geantwortet.

S.  fährt  fort:  Wir  wollen  alle  den  Frieden  und  einen  Frieden,  der
nicht  nur  ein  Waffenstillstand  ist.  Wir  sind  bereit,  in  vollem  Einvernehmen
mit  unseren  Verbündeten  jeden  ernsthaften  Friedensvorschlag  zu  prüfen
ohne  jeden  Gedanken  an  Rache  oder  Eroberung.  Aber  es  gibt  wesentliche
Punkte,  über  die  wir  nicht  verhandeln  können.  Die  hohen  Ziele,  für  die