Rußland. (März 21. 22.) 669
Sibirien verbannte Präsident des finn. Landtages Svinhufoud die Freiheit
wieder.
Die Prov. Regierung hat den Abg. Roditschew (Kad.) zum Minister
für finnländ. Angelegenheiten und den Abg. Stachowitsch (Prog.) zum
Generalgouverneur von Finnland ernannt. Der bisherige Generalgouverneur
Seyn und der Vizepräsident des Senats Borowitinow wurden
bereits in den ersten Tagen der Revolution verhaftet.
21. März. Allgemeine politische Amnestie.
Die Prov. Regierung veröffentlicht folgenden Erlaß: Indem wir den
gebieterischen Forderungen des nationalen Gewissens Folge leisten, ordnen
wir im Namen der historischen Gerechtigkeit und zum Andenken an den
endgültigen Triumph der neuen Regierung, die sich auf Recht und Freiheit
gründet, eine allgemeine politische Amnestie an.
22. März. Anerkennung der Revolution durch die Großmächte.
Die Botschafter Englands, Frankreichs, der Ver. Staaten und Italiens
übermitteln dem Minister des Aeußern gemeinsam die amtliche Anerkennung
der Prov. Regierung. (Ueber die Stellungnahme der Alliierten
zur russ. Staatsumwälzung s. ferner S. 273, 271, 275 f., 393 f., 394 f., 499.)
22. März. Offizielle Darstellung der inneren Lage.
Die „Petersb. Tel.-Agent.“ verbreitet folgende amtliche Darstellung
der inneren Lage: Nach den letzten Nachrichten hat sich ganz Rußland
mit Einschluß von Finnland, Turkestan und Sibirien voll und ganz der
neuen Regierung angeschlossen, die die Duma mit kräftiger Unterstützung
der patriotischen Truppen plötzlich im Zarenreiche aufgerichtet hat. Niemals
ist eine Revolution so kurz gewesen wie diese, die wie eine Zündschnur
von Petersburg ausging und in wenigen Tagen das ganze Land in Flammen
setzte und seine völlige Wiedergeburt vollendete. Man muß die Quelle dieses
offenbaren Erfolges in der logischen Notwendigkeit suchen, die seit Jahren,
und ganz besonders in der letzten Zeit, der ganzen russ. Nation, die sich
dessen vollkommen bewußt war, den Beweis lieferte, daß der Staat in einen
Abgrund nicht wieder gut zu machenden Unglücks geschleudert werden
würde, und der Krieg mit Schmach verloren sei, wenn die alte, durch und
durch egoistische Regierung unter Führung einer verweichlichten Dynastie
fortfahren würde, eine Politik der Volksunterdrückung zu treiben, die alle
schafsenden Kräfte lähmte. Darum ertönte der Ruf: „Nieder mit dem alten
verrotteten Regime, es lebe der freie demokratische Staat!“ in Petersburg
und ist von ganz Rußland einstimmig aufgenommen worden, von Rußland,
das auf einen Schlag und fast schmerzlos sich der Fesseln der absoluten
Monarchie entledigt hat. Tatsächlich hat der Staatsstreich nach den
Schätzungen Rußland mit seinen 130 Mill. Einwohnern nur 2000 Tote
und Verwundete gekostet. Diese Zahl stellt einen verhältnismäßig unbedeutenden
Bruchteil gegenüber der Gesamtsumme der Opfer von Revolutionen
anderer Länder, die die Geschichte kennt, dar. Aus dem gleichen
Grunde hat Rußland, oder vielmehr Petersburg, das höchsteus eine Woche
in Unordnung war, fast ganz das normale Leben wieder ausgenommen,
denn jedermann schließt sich schnell dem neuen Regime an und die Zeit,
da der Zar und seine Günstlinge das Land erwürgten, erscheint wie ein
Alpdruck, der vor dem Licht der politischen Freiheit glücklich zerronnen ist.
Diese Freiheit genießt Rußland um so mehr, da die neue Regierung ihr
Möcglichstes tut, um ohne die geringste Verzögerung die Grundsätze zu verwirklichen,
die sie in ihrem Manisest am ersten Tage, da sie zur Macht
gelangt war (s. S. 657), verkündet hatte. In der Tat sind die politische