82 Die ästerteithisqh·nngarishe Menarqie. (Mai 30.)
tretung entbehren mußte. Unvermeidlich hat diese tatsächliche Sistierung
der Verfassung schwere Schäden mit sich gebracht. Die mangelnde verfassungsmäßige
Regelung der Finanzen hat zweifellos unsere Finanzen
geschädigt, wenn auch der Kriegsbedarf dank der großen Opferwilligkeit
der Bevölkerung gedeckt werden konnte. Die mangelnde Kontrolle der Berwaltung
hat in vielen Belangen Zustände gezeitigt, die kaum mehr werden
gutgemacht werden können. Unter diesen Umständen ist es vor allem die
Aufgabe des Hauses, die Selbsterhaltung und die Selbstsicherung durchzuführen,
vorzusorgen, daß nicht ähnliche Zustände wiederkehren. Dieses Ziel
werden wir nicht allein erreichen durch gesetzliche Maßnahmen, sicherer noch
und besser werden wir es erreichen, wenn wir wirklich unsere verfassungsmäßigen
Aufgaben erfüllen. Denn wir dürfen uns nicht
darüber täuschen, daß es nur deshalb möglich war, uns unserer Rechte zu
berauben, weil wir unsere Pflichten nicht erfüllt haben. Die Bevölkerung
setzt gewaltige Hoffnungen in dieses Haus, so gewaltige Hoffnungen, daß
wir uns nicht darüber täuschen dürfen, daß wir sie schwerlich werden ersüllen
können. Aber wir wollen dafür sorgen, daß nicht wir schuldig werden,
daß wir nicht die Schuld daran tragen, wenn wir nicht alle Hoffnungen
der Bevölkerung erfüllen können. Wir müssen namentlich dafür sorgen,
daß nicht die Erwartungen sich erfüllen, die viele unserer Feinde auf die
Tagung dieses Hauses setzen, jene Erwartungen, die da meinen, daß diese
Tagung zu neuen Spaltungen, zur neuen Schwächung Oesterreichs führen
werde. Unsere Feinde haben bei dem Ueberfalle auf die Mittelmächte mit
dem Zerfalle Oesterreichs gerechnet. Sie haben sich gewaltig verrechnet.
Unsere Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, daß diese Festigung auch
weiter sich entwickle und daß wir als fester Block unseren Feinden gegenüberstehen
und ausharren. Und bei einigem guten Wollen, m. H., wird trotz
aller Schwierigkeiten, trotz der großen vorhandenen Meinungsverschiedenheiten
in nationalen, politischen und wirtschaftlichen Fragen — trotz allem
wird es möglich sein, dieses Ziel zu erreichen.
Hierauf werden zu Vizepräsidenten gewählt die Abgg. German
(Pole), Jukel (Christlichsoz.), Pernerstorfer (Soz.), Pogacnik (Slow.),
Romanczuk (Ruth.), Simionovici (Rum.) und Udrzal (Tscheche).
Nach der Wahl der Schriftführer erhält der Präsident die Ermächtigung
des Hauses, dem Kaiser die ergebenste Huldigung zu Füßen
legen und zugleich ihm als oberstem Kriegsherrn Grüße für die Armee im
Felde entbieten zu dürfen. Weiter erbittet der Präsident die Ermächtigung,
an die Volksvertretungen Ungarns, des Deutschen Reiches (s. unten),
Bulgariens und der Türkei Begrüßungstelegramme senden zu dürfen.
Hierauf legen Vertreter der einzelnen Parteien in scharf formulierten
Erklärungen den Standpunkt ihrer Parteien dar.
Abg. Stanek gibt im Namen des tschechischen Verbandes
folgende Erklärung ab: Die Vertreter des böhmischen Bolkes aus allen
drei Ländern der Krone des heiligen Wenzel geben bei Eintritt in den
Reichsrat in der weltgeschichtlichen Zeit der Kriegsereignisse, in der die auf
Beseitigung der Beherrschung eines Volkes durch ein anderes abzielende
Bewegung zum Gemeingut geworden ist, nachstehende Erklärung ab: Die
Delegation des böhmischen Volkes ist von der tiefen Ueberzeugung durchdrungen,
daß die gegenwärtige dualistische Form zum offenbaren Nachteil
der Gesamtinteressen herrschende und unterdrückte Völker geschaffen
hat und daß behufs Beseitigung jedweden nationalen Vorrechts und Sicherung
einer allseitigen Entwicklung eines jeden Volkes im Interesse des
ganzen Reiches sowie der Dynastie die Umgestaltung der habsburg-loth-=ringischen
Monarchie in einen Bundesstaat von freien und gleichberech-