Full text: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Verhandlungen über das Kaiserthum. 699 
denn die Welfen fanden es ganz unerhört, daß die rein deutschen Flüsse 
derselben Freiheit genießen sollten wie die mehreren europäischen Mächten 
gemeinsam angehörigen. Wegwerfend schrieb Münster an den Prinz- 
regenten: Hannover werde sicherlich nicht finanzielle Opfer bringen „um 
einige vage Ideen von Handelsfreiheit zu begünstigen“. Die ehrenwerthen 
Männer unter der deutschen Diplomatie überkam ein vernichtendes Ge- 
fühl der Scham. Welch ein Schauspiel bot seit sechs langen Monaten 
dies Deutschland, das soeben noch die Welt mit seinem Kriegsruhm er- 
füllt hatte! Nichts als Zank und Stank, nichts als Neid gegen die Retter 
der Nation, und noch immer kein Ende! Der wackere Gersdorff rieth 
in seiner Herzensangst den Preußen: jetzt könne aus Deutschland doch 
nichts Tüchtiges werden, die feindselige Gesinnung von Baiern und Ge- 
nossen lasse sich nicht verkennen; besser also, Preußen schließe mit dem 
Süden nur eine Allianz, mit den kleinen norddeutschen Staaten aber 
einen festen Bund, der für das ganze Vaterland eine bessere Zukunft 
vorbereiten könne.) 
Die Mehrzahl der streitigen Gebietsfragen war erledigt, die Monar- 
chen rüsteten sich zur Abreise, Alle verlangten ungeduldig nach dem Schluß 
des Congresses und horchten gespannt auf die Nachrichten aus Westen; die 
Rheinbündner erhoben wieder keck das Haupt, mehrere der Mittelstaaten 
verhehlten kaum, daß sie auf neue Siege des Imperators hofften. Das 
war die Stimmung nicht, die ein dauerndes nationales Werk zeitigen 
konnte. Hardenberg, der in der Regel ein sicheres Gefühl für die Gunst 
des Augenblicks zeigte, wünschte denn auch die Verfassungsberathungen zu 
vertagen, bis nach einer neuen Niederlage Napoleon's der Trotz der Rhein- 
bündner gebrochen und die allgemeine Stimmung wieder ruhiger und gesam- 
melter wäre. Aber wie würde die Nation, die jetzt abermals zu neuen schwe- 
ren Opfern aufgeboten ward, ihre Fürsten und Minister empfangen, wenn 
sie ihr nach diesem Pomp endloser Feste nichts, rein nichts heim brachten? 
Dies schien doch gar zu schmachvoll; selbst Gentz warnte vor dem Zorne 
der öffentlichen Meinung. Ueberdies wünschte Metternich dringend, die 
deutsche Bundesacte, die in seinen Augen ja nur eine europäische Angelegen- 
heit war, in die große Schlußacte des Congresses mit aufzunehmen und 
sie also unter die Bürgschaft des gesammten Welttheils zu stellen. Er 
legte hierauf noch in späteren Jahren den höchsten Werth und stellte gern 
die charakteristische Behauptung auf: der Deutsche Bund ist gerade des- 
halb eine dauernde Föderation, weil „sein Entstehen das vereinte Werk der 
europäischen Mächte und der deutschen Fürsten war".*) Und seltsamerweise 
ward diese Ansicht von allen preußischen Staatsmännern, selbst von 
Humboldt getheilt; sie hofften durch die europäische Gesammtbürgschaft 
  
*) Gersdorff an Humboldt, 7. April 1815. 
*) Metternich an Hruby, 11. December 1817.
	        
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