Uebersicht der Ereignisse des Lahres 1862. 389
stens 27 Mill. Thlr. an der bisher festgehaltenen Forderung für den preußen.
Militärhaushalt. Das erstere setzte er durch, das letztere nicht, obwohl
die öffentliche Meinung sich immer mehr so entschieden und so einmüthig
gestaltete, daß ein Wahlsieg der Regierung ohne eine große Concession in
der Militärfrage ganz unmöglich erschien.
Niemand hatte sich durch die Wahlerlasse der Minister einschüchtern
lassen. Auf die gegen die Majorität des aufgelösten Abgeordnetenhauses
erhobene Anklage antwortete das Centralwahlcomité der Fortschrittspartei
so ruhig wie fest: „Niemand denkt daran, die verfassungsmäßigen Rechte 6
der Krone anzutasten. Aber darum handelt es sich, ob neben der großen
und unzweifelhaften Macht der Regierung das verfassungsmäßige Recht
der Volksvertretung irgend eine Bedeutung haben soll oder nicht. Soll
das Abgeordnetenhaus nur Duldung genießen, so lange es ja sagt und
gesetzwidriger Uebergrisse geziehen werden, sobald es nein sagt, so hat
unsere Verfassung keinen Sinn.“ Die Beamteten fingen an, sich gegen
die versuchte Beeinträchtigung ihrer Wahlfreiheit zu wehren. Die ersten,
die es thaten und ihr Recht würdig, aber mit Entschiedenheit wahrten,
waren Rector und Senat der Universität Berlin. Freimüthig erklärten
sie, daß sie „den Kampf, der gegenwärtig die Gemüther in Preußen bewege,
nicht in dem Gegensatz des Königthums und der Demokratie ausgedrückt
fänden.“ Andere Körperschaften folgten nach. Die öffentliche
Meinung hatte die Oberhand behauptet. Die Nation fühlte, daß Preußen
abermals an einem Scheidewege stand. „In der Wahlbewegung des letzten
Herbstes — sagte das Centralwahlcemité der Fortschrittspartei — konnten
wir noch hoffen, das Ministerium werde, getragen von dem fortschreitenden
Bewußtsein des Volkes, eine entschiedenere Politik in der Richtung einschlagen,
welche unserem Vaterlande Noth thut, um seine Stelle unter
den Völkern Europas mit Ehren zu behaupten. Das können wir jetzt
nicht mehr. Um so nothwendiger ist es, daß die Volksvertretung unabhängig
und entschlossen der Regierung gegenüber das verfassungsmäßige
Recht des Volkes wahre.“ Am 6. Mai erfolgten die Wahlen. Die Regierung
erlitt eine vollständige Niederlage: auch nicht einer der Minister
hatte seine Wahl durchzusetzen vermocht. Die Majorität des aufgelösten
Hauses kehrte dahin zurück, an Zahl verstärkt, durch die Zustimmung der
weit überwiegenden Mehrheit der Nation mächtig gekräftigt. Die eigentlich
ministerielle Partei war auf 10 Feudale zusammengeschmolzen.
Fast zu derselben Zeit sah sich die preußische Regierung noch in
eine andere Schwierigkeit verwickelt. Schon seit längerer Zeit war sie