Volltext : das Königreich Württemberg. Dritter Band. (4)

Als  die  Grundfrage  gelöst  war,  fuhren  die  Herren  zum  Kaiser  und  trugen
ihm  ihre  Vorschläge  vor  —  ohne  zu  verhehlen,  daß  sie  die  Bereiterklärung  zur
Kapitulation  bedenteten.

Zur  Kapitulation  nach  innen  und  außen.  Vor  dem  Feinde  —  denn  sie
schloß  neben  vielem  anderen  den  Derzlcht  auf  Elsaß-Lothringen  und  Deutsch-Polen
  in  sich  ..  .  und  nach  innen  —  denn  hier  bedeutet  sie  den  Verzicht  der
Krone  auf  ihre  verfassungsmäßigen  Rechte,  den  Ubergang  der  Herrschergewalt
in  die  Hände  der  Volkevertretung.  In  dieser  Stunde  wurde  das  Werk
Biemarcks  zu  Grabe  getragen.  Seltsam,  auch  der  Kaiser  fügte  sich  in  tlefer
Erschütterung,  doch  stumm  und  ohne  jeden  Widerspruch  in  dlie  Anrufung
Wilsons  ...  Aber  er  erschlen  gebrochen  und  jäh  um  Jahre  gealtert.

Zuzwischen  war  auch  der  Reichskonzler  erschienen  —  aber  nur,  um  zu  vernehmen,
  daß  der  Koiser  bereite  ein  Schriftstück  unterzeichnet  habe,  das  den  Parlamentarlomue
  in  Deutschland  einführte.  Er  erbat  und  erhielt  seinen  Abschied.
UÜber  die  Person  seines  Nachfolgere  stand  noch  nichte  fest.  Und  der  Kaiser  trat
in  dieser  Hinsicht  bereite  auf  den  Boden  der  von  ihm  bewilligten  Neuordnung:
er  verzichtete  auf  jede  Betelligung  an  der  Besetzung  des  Reichskanzlerpostens  —
also  auf  das  oberste  Vorrecht  der  Kalserkrone  ..  Man  mochte  das  nun  in  Berlin
abmachen  .

Auf  Ludendorffs  Frage,  bis  wann  die  neue  Regierung  gebildet  und
altionsfahig  sein  würde,  so  daß  die  Note  mit  dem  Ersuchen  um  Waffenstillstand
an  Wilson  abgeben  könne,  nannte  Hintze  den  1.  Oktober.  So  lange  hatte  es
nach  Ludendorffs  Auffassung  auch  noch  Zeit.

Da  Ludendorff  von  Spaa  wegen  der  Kriegslage  nicht  abkommen  konnte,
begleitete  auf  seinen  Wunsch  Hindenburg  den  Kalser  nach  Berlin,  um  dort  bei
den  notwendigen  Entschließungen  die  O.  H.  L.  zu  vertreten.  Ludendorff  sandte
den  Major  Freiherrn  v.  dem  Bussche  mit,  damit  dieser,  falls  die  neue
Reichsleitung  es  wünsche,  dem  Reichotag  Aufschluß  über  die  militärksche  Lage
geben  könne.

Das  Ende  kam  —  es  kam  mit  allen  Anzeichen  einer  Katastrophe,  die  viel
grauenvoller  werden  mußte,  ale  schlimmster  Pessimiemus  es  jemals  geahnt
Noch  vor  wenig  Wochen  hatten  die  militärischen  Führer  und  fast  das  gesamte
deutsche  Bürgertum  von  einem  Frieden  geträumt,  der  Deutschlande  Machtstellung
im  Osten  einen  gewaltigen  Zuwachs  bringen  und  auch  im  Westen  sich  keinesfalls
ohne  namhafte  „Sicherungen“  begnügen  würde  ..  Und  nun  dle  14  Punkte.
Und  nach  innen:  Verzicht  der  Krone  auf  jede  wirkliche  Macht,  die  vorbehaltlos
auf  das  Dolk  überging  —  mit  einem  Worte:  Revolutlon  von  oben  ..  .  Das
alles  ohne  Hauch  und  Glanz  von  Freiwillligkeit,  von  Größe  ...  Erzwungen
alle  Zugeständunsse,  nach  außen  durch  die  militärische  Lage,  die  im  Zusammenbruch
  der  beiden  südöstlichen  Bundesgenossen  und  im  Rückzug  der  Westfront
ihren  unmißverständlichen  Ausdruck  fand  —  und  nach  innen  unter  dem  Druck
der  Angst  —  der  Angst  vor  dem  gierigen  Ungeheuer,  das  —  Hintze  hatte  es
unverhohlen  zugegeben  —  sprungberelt  auf  der  Lauer  lag:  der  Revolution
von  unten.

Dleser  29.  September  bedeutet  in  Wahrheit  das  Ende.  Alles,
was  nun  noch  kam,  fällt  schon  unter  den  Begriff  der  „Liquidation“.

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