Full text : Lehrbuch der bayerischen Geschichte.

292  Bayern  unter  Karl  Albrecht.

Bayerns  wurde  geltend  gemacht,  daß  Karl  Albrecht  ebenfalls
mit  einer  Prinzessin  des  österreichischen  Kaiserhauses,  mit  Maria
Amalia,  der  jüngeren  Tochter  des  verstorbenen  Kaisers  Joseph  1,
vermählt  sei,  daß  seit  den  Zeiten  des  Kaisers  Ferdinand  II
zwischen  dem  Hause  Wittelsbach  in  Bayern  und  dem  habsburgischen
  Hause  in  Oesterreich  mehrfache  eheliche  Verbindungen
  geschlossen  worden,  das  größte  Gewicht  wurde  aber  darauf
gelegt,  daß  Karl  Albrecht  im  fünften  Grade  von  Anna,
einer  Tochter  des  Kaisers  Ferdinand  17),  abstamme,  welcher
in  seinem  an  Bayern  abschriftlich  hinausgegebenen  Testamente
ausdrücklich  verordnete,  daß  nach  Abgang  der  männlichen
Erben  seiner  drei  Söhne  seine  an  Herzog  Albrecht  V  von  Bayern
vermählte  Tochter  Anna  und  ihre  Erben  seine  Hinterlassenschaft
  erhalten  sollten.  Der  zuletzt  genannte  Anspruch,  der  sich
auf  das  Testament  Ferdinands  I  stützte,  wurde  schon  dadurch
in  seinem  Werthe  erschüttert,  daß  in  der  Urschrift,  welche  im
Wiener  Archiv  aufbewahrt  und  nach  dem  Tode  Karls  VI  dem
bayerischen  Gesandten  De  la  Perouse  in  Wien  unbedenklich
zur  Einsicht  vorgelegt  wurde,  nicht  vom  Aussterben  der  „nännlichen“",
  sondern  der  „ehelichen“  Leibeserben  die  Rede  war  7),
und  verlor  vollends  alle  Bedeutung  durch  den  urkundlichen  Verzicht
  auf  die  österreichischen  Lande,  den  Karl  Albrecht  vor

*)  Siehe  oben  Seite  219  die  genealogische  Tasel  des  Hauses  Habsburg,
auf  welcher  sich  die  von  Anna  von  Oesterreich  abstammenden  männlichen
  Wittelsbacher  angegeben  finden.

*“)  In  der  (angeblichen)  Original-Urkunde  zu  Wien  standen  die  Worte:
„wan  der  eelich  Stamm  abginge  und  es  zu  Töchtern  käme,  daß  allsdann
Sy  (die  Prinzessin  Anna)  und  ihrer  Lieb  Erben  alles  das  zu  erben  gelassen
werden  soll,  was  sy  von  Rechts  wegen  billig  erben  mögen."  Nach  der  in
bayerischen  Händen  befindlichen  Abschrift  der  Wiener  Original-Urkunde
und  ebenso  im  Heirathbriefe  der  Prinzessin  Anna  hieß  es:  „wan  der  manlich
  Stamm  abginge  und  es  zu  Töchtern  käme,  u.  s.  w.".  Daß  mit  der  zu
Wien  aufbewahrten  Original-Urkunde  eine  Fälschung  vorgegangen,  war  Jedermann
  klar,  aber  Niemand  wollte  von  derselben  eine  Kenntniß  haben.  Da
die  in  Wien  noch  vorhandene  Urkunde  keine  Spur  einer  Radirung  zeigt,  so
liegt  die  Vermuthung  nahe,  daß  selbe  ursprünglich  mit  Absicht  falsch  geschrieben
war  und  von  dem  nichts  ahnenden  Kaiser  Ferdinand  1  ohnc  vorausgegangene
Prüfung  unterzeichnet  wurde.