Das österreichische „Berieselungssystem“ im Preßwesen. 401
glaube ich, daß wir in der öffentlichen Meinung von Süd= und Westdeutschland erheblich
zurückkommen, wenn wir nicht zu unsrer Vertheidigung analoge Mittel anwenden, wie sie
zu dem Zwecke, uns herabzudrücken, in Thätigkeit sind. Die Postzeitung und das Journal
de Francfort gehören direct der östreichischen Regirung und werden auf der Präsidial=
gesandschaft redigirt. Die erstre hat kaum einen andern Zweck als den, am Ansehn Preußens
zu nagen; sie thut es mit Geschick und hat dazu, außer 3 oder 4 untergeordneten Litte=
raten (Hehner pp.) zwei recht tüchtige Publicisten, die Herrn v. Linde und Braun (den
hiesigen Residenten). Bei letzterem findet der tägliche Vortrag aller hier im Solde Öst=
reichs stehenden Correspondenten statt, sowohl in Betreff des Inhaltes der Postzeitung als
der Correspondenzen, welche an fast alle süddeutschen und rheinischen Blätter, auf Grund
der von Wien an die Gesandschaft gelangenden generellen Inspiration, täglich abgefertigt
werden. Es giebt kaum ein erhebliches Preußisches Blatt am Rhein und in Berlin, zu
welchem nicht wenigstens ein im Solde Östreichs stehender und von dort inspirirter Corre=
spondent Zutritt hätte. Dieses wohlverzweigte Berieselungs=System findet das Terrain
für die Befruchtung mit specifisch östreichischen Anschauungen zum Theil durch zwei andre
Principien vorbereitet: einmal durch das ultramontane und durch die Katholicität im
Allgemeinen, dann durch dasjenige, was ich bambergische Bundespolitik nennen möchte, wie
sie in München, Stuttgart, Carlsruh, Wiesbaden, Hanover, Darmstadt verstanden und be=
trieben wird. Beide Elemente bieten sehr nutzbare Unterlagen für eine östreichische Preß=
politik, welche sich die Umgarnung und Abrichtung Preußens zum Ziele stellt. Wir haben
dagegen keine andre Vertretung als diejenige, welche wir sonst leisten. Jeder gewöhn=
liche Zeitungsleser bildet sich seine politischen Auffassungen einigermaßen nach dem
Blatte, welches er täglich liest. Die so entstehende öffentliche Meinung könnte uns
gleichgültig sein, weil sie in entscheidenden Momenten nichts leistet; sie ist es aber nicht,
wir gestatten ihr Einfluß auf unsre Entschließungen, auch wenn wir wissen, wie sie entsteht,
wie wandelbar sie ist und wie schwache Unterlage sie uns zum Handeln gewährt. Der
Unsinn, wie ihn die Postzeitung in Nr. 75 ausspricht, daß wir Östreichs Kriege führen
müssen, daß dieses „keine Sache von Sympathie oder Antipathie, von Freundlichkeit
oder Unfreundlichkeit, von Leistung auf Dank hin, sondern einfach unser eignes Interesse“
sei, wird widerspruchslos von allen deutschen Blättern vertreten und bildet sich zu dem
Axiom aus, daß die Existenzfähigkeit Preußens nur auf dem Schutze Östreichs beruht, daß
wir verloren sind, sobald diese unsre Schutzmacht besiegt wäre und daß wir also zu einer von
Östreich unabhängigen Politik weder Recht noch Macht haben. Wenn wir jetzt Öst=
reich beistehn, so erscheint es als ein verdienstloser Act, welchen die Pflicht der Selbst=
erhaltung uns auferlegt, höchstens als eine ganz natürliche und in jedem analogen Falle un=
vermeidliche Erfüllung der in unserm eignen Interesse erweiterten Bundespflicht. Ich
würde mich gefreut haben, in der Wüste der Presse wenigstens einer Stimme begegnet zu
sein, die es auszuführen gewagt hätte, daß es Preußen einige Überwindung kosten müsse,
nicht nur Olmütz zu vergessen, sondern den jüngeren Widerstand Östreichs gegen unsre
Theilnahme am Pariser Friedensschluß und an den Donau=Conferenzen sowie die Haltung
Östreichs in der Neuenburger Sache, am Bund (Rastatt, Mainzl), im Zollverein; daß es
deshalb als ein besondrer Beweis deutsch=patriotischer Selbstverläugnung würde angesehn
werden müssen, wenn Preußen die jetzige Lage mit der bundesfreundlichen Unbefangenheit
auffaßte, welche sich erwarten ließe, wenn Östreich von allem jenem das Gegentheil gethan
hätte. Die Ehrgeizigsten unter unsern preußischen Patrioten nehmen an, wenigstens haben
es einige gegen mich ausgesprochen, Östreich bitte uns dermalen mit der Beredsamkeit eines
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