Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Pariser Nachrichten. Bayerns Haltung. Buols morganatische Frau. 67 
In Darmstadt hatte man gestern wieder sehr beunruhigende Nachrichten aus Paris, 
nach welchen eine Erhebung gegen die Regirung dort mit Sicherheit erwartet werde und 
ebensowohl morgen als später ausbrechen könne, aber schwerlich noch ein Jahr ausbleiben 
werde. Namentlich seien innerhalb der Armee massenweise Verhaftungen nothwendig ge= 
worden, durch welche sich die Aufregung des Militärs wiederum gesteigert habe. Es ist 
möglich, daß Herr von Grancy, der Geschäftsträger des Großherzogs, da er früher Offi= 
zier der Schweizer Garde war, seine Nachrichten vorzugsweise aus legitimistischen Be= 
kanntschaften zieht; die Erzählungen derjenigen Frankfurter aber, welche von Ausstellungs= 
besuchen aus Paris kommen, lauten auch nicht gerade beruhigend. 
Mit der ausgezeichnetsten Verehrung verharre ich ... 
74. Bericht vom 20. Juli 1855 an König Friedrich Wilhelm IV., 
betr. die neue österreichische Vorlage in der orientalischen Angelegenheit. — 
Vgl. Poschinger II Nr. 140. 
75. Vertrauliches Schreiben an Minister v. Manteuffel. 
[Eigenhändig.] 
 22. Juli 1855. 
E. E. beehre ich mich zur Vervollständigung meines g. Berichtes über die letzte 
Sitzung anzuzeigen, daß Herr von Schrenk inzwischen eine Instruction über sein Verhal= 
ten bei den Ausschußverhandlungen empfangen hat, welche von München abgegangen 
ist, bevor man dort das Ergebniß der Sitzung vom 19. c. kannte. Aus derselben geht 
unzweideutig hervor, daß Minister von der Pfordten, als er so decidirt auf Verweisung 
an die Ausschüsse bestand, damit die von Östreich in München geäußerten Wünsche zu er- 
füllen meinte. Herr von Schrenk glaubt, daß man in München Prokeschs Zustimmung zu 
einem sofortigen Beschluß sehr übel vermerken werde, weil man nur aus Gefälligkeit für 
Östreich und auf die vertrauliche, aber dringende Verwendung des Grafen Apponyi so 
instruirt habe, wie geschehn, und dadurch in eine fast komische Isolirung gerathen sei. 
Auch hier bestätigt sich die Vermuthung, daß man in Wien die Ausschußverhandlungen 
gewünscht habe, sei es in der Hoffnung, dabei die vier Punkte noch einzuschmuggeln, 
oder in der Absicht, sich in dem anonymen Dunkel der Ausschußverhandlungen  eine douce 
violence von uns anthun zu lassen. Herr von Schrenk, der mir vertraulich und ohne Rück= 
halt sprach, glaubt das Erstere, und wir sind beide zweifelhaft, ob Prokesch sich so weit 
emancipirt hat, daß er, wie er selbst behauptet, gegen seine Instruction gehandelt, oder 
ob er noch telegraphisch neue Weisungen erhalten hat. Merkwürdig war mir, daß Fürst 
Gortschakoff, der mich vorgestern besuchte, die Wiederkehr Prokeschs dem Umstande zu= 
schreibt, daß Buol ihn in Wien gefürchtet, aber nicht gewußt habe, wo er sonst mit ihm 
bin solle. Er sagte auch, daß Prokesch in den Conferenzen von Buol unabhängige In= 
structionen direct vom Kaiser erhalten und Buol überhaupt dabei in Schatten gestellt 
habe; letztrer sei die morganatische Frau Prokeschs genannt worden, und was er gesagt 
habe, das habe stets erst durch die protokollarische Redaction von Biegeleben Sinn und 
Verstand gewonnen; der unangenehmste Gegner sei — der alte Westmoreland gewesen, 
wegen seiner einfachen Hartnäckigkeit. Herr von Schrenk wird in seiner Instruction wieder= 
holt angewiesen, auf Verlängerung der Bereitschaftsfrist zu bestehn, aber einen „einhelligen“