Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Eintreffen des Königs. Bernstorff. Hatzfeldt. Geschäftsstille. Die süddeutschen Fürsten. 73 
Veranlassung erhielte, sich über seine Erlebnisse dieses Jahres auszulassen, so würde er sie, 
wie ich glaube, mit großer Genugthuung ergreifen. 
Über die Reise S. M. des Königs weiß ich noch nichts Amtliches oder auch nur 
Sichres; nach Privatbriefen sollte die Ankunft hier auf den 20. fallen,⁴) ob aber Mittwoch 
Morgens oder zur Nacht, darüber schwebe ich noch in Ungewißheit und Erwartung. Mit 
der Bitte mich und meine Frau Ihrer Frau Gemalin auf das Angelegentlichste zu emp= 
fehlen, verharre ich ... 
83. Bericht vom 22. September 1855 an Minister v. Man= 
teuffel, betr. das Verbot eines Biwaks preußischer Truppen auf groß= 
herzoglich hessischem Gebiete. — Vgl. Poschinger, Neue Berichte S. 210. 
84. Privatschreiben an Minister v. Manteuffel. 
[Eigenhändig.] 
5. Oktober 1855. 
E. E. beehre ich mich g. anzuzeigen, daß ich, nachdem ich die Majestäten bis zum 
Apollinarisberge begleitet hatte, mit einem Umwege über das Ahrthal und den Laacher 
See hier wieder eingetroffen bin. Mit mir hat S. Majestät über Politik während des 
Aufenthaltes in Coblenz nicht weiter gesprochen, dagegen fand Bernstorf auf dem Dampf= 
schiffe noch Gelegenheit, dem Könige sein Herz auszuschütten, wobei S. M. geäußert hat, 
daß die ganze durch die Wedell=Usedomsche Eingabe angeregte Episode als erledigt an= 
zusehn sei, nachdem Hatzfeld sich glänzend gerechtfertigt habe. Auch für seine Person war 
Bernstorff von den Auslassungen des Königs sehr befriedigt, und die erregte Stimmung, 
in der er sich vorher befand, schien nach der Audienz gehoben zu sein. Ich glaube so= 
nach, daß sich Hatzfeld und Bernstorf als die besten Bundesgenossen E. E. gegen jenen 
Angriff bewährt haben; mögen sie es gern oder ungern gethan haben, sie waren von dem 
gegnerischen Angriff solidarisch mitbetroffen. 
*Hier habe ich nichts als die Fortdauer der geschäftlichen Stille vorgefunden. Pro= 
kesch ist vorgestern nach Wien von hier abgereist und äußerte gegen einige, daß er in 
10 Tagen, gegen andre, daß er in 3 Wochen wieder herkommen werde, um seine Kinder 
abzuholen. Ob er dann Rechberg einführen, oder dieser erst später eintreffen wird, ist 
noch unbestimmt; einstweilen habe ich das Präsidium aus den Händen des Herrn von 
Reinhart übernommen; Prokesch hat sich während seiner letzten Anwesenheit nicht da= 
mit befaßt, sondern ist incognito geblieben.* Das Empressement, mit welchem die süd= 
deutschen Fürsten dem Könige entgegengekommen sind, namentlich der Besuch des Königs 
von Würtemberg¹), hat hier ein günstiges Aufsehn gemacht und in Paris nach den hier 
eingegangnen Nachrichten unangenehm überrascht; wenn, ungeachtet der Kenntniß von 
diesem Pariser Befremden, der Großherzog von Hessen zum 15. nach Berlin geht, so 
liegt darin ein Beweis, daß in Darmstadt die Furcht vor Frankreich abgenommen hat, 
trotz Sebastopol. Man kennt jetzt überall die Entblößung der französischen Garnisonen 
außerhalb der Bezirke der Armeen von Paris, Lyon und Boulogne und sieht etwas 
weniger Gespenster in der Richtung. Darmstadt sehe ich als eine Art von Wetterglas 
⁴) Der König reiste nach Stolzenfels. 
¹) In Stolzenfels.