Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Die durchreisenden Freunde. Geschäftsstille. Prokeschs Nachfolger. Pariser Eindrücke. 71 
Königin von England werde mit ansehn können. Von Paris aus erlaube ich mir dann, 
E. E. den einsamen Strand, welchen ich aufsuche, noch näher zu bezeichnen, indem ich dort 
erst über die einzelnen Orte und ihre Beschaffenheit mich erkundigen kann. Politisch ist 
es hier ganz still. Prokesch ist auf einige Tage nach Schaumburg²) zum Erzh[erzog] 
Stephan, die meisten andern Collegen sind im Bade oder zu Hause. Graf Kielmanns= 
egge geht morgen wieder nach Hanover; er ist sehr befriedigt von den Zusicherungen, die 
er bisher hier und von einzelnen Höfen erhalten hat.³) Der Strom der Reisenden ist ge= 
waltig, und besonders die Berliner scheinen wanderlustiger wie je; auf allen Bahnzügen 
und in den benachbarten Bädern herrscht das melodische Idiom aus Gertrautenstraße in 
zweifelloser Majorität. Ich habe an manchen Tagen den Besuch von einem Dutzend 
durchreisender „Freunde“ und mich deshalb schon seit einigen Tagen als abgereist con= 
signirt. Mit Freude höre ich, daß E. E. die Landluft ersichtlich gut bekommen ist, und 
hoffe, daß sie bei der gnädigen Frau und Otto dieselbe Wirkung gehabt hat. Meine Frau 
trinkt auch hier Kissinger, wegen ihrer Augenleiden. Mit unwandelbarer Verehrung 
verharre ich   … 
82. Privatschreiben an Minister v. Manteuffel. 
[Eigenhändig.] 
14. September 1855. 
E. E. erlaube ich mir g. anzuzeigen, daß ich wieder hier eingetroffen bin.¹) Ich hatte 
ursprünglich beabsichtigt, meinen Urlaub mit einer villeggiatura am Rhein zu beschließen, 
und mir zu dem Behuf ein Quartier in Rolandseck ausgesucht; in Folge der Nachricht 
aber, daß S. M. der König herkommt, habe ich mich begnügt, meiner Frau die Örtlich= 
keit zu zeigen, die ich ihr zugedacht hatte, und sie aufs nächste Jahr zu vertrösten. Hier 
fand ich einstweilen nur die Vertreter von Holstein, Luxemburg, Hessen=Homburg und 
Frankfurt unter dem Vorsitze Würtembergs; gestern sind Sachsen und Baden dazu= 
gekommen; Geschäfte aber finden keine statt. Die Östreicher streiten es noch, daß Rech= 
berg wieder herkommen werde, und hört man auch die Conjectur wieder auftauchen, daß 
Rechberg Buol's Stelle einnehmen und letztrer hier das Bundespalais beziehn werde. Ich 
glaube eher, daß Buol, wenn er überhaupt zurücktritt, sich den Pariser Posten ausersehn 
hat, vorausgesetzt, daß die Freundschaft mit Frankreich bei der Gelegenheit nicht zu stark 
erschüttert würde. In dem Falle bekämen wir hier wahrscheinlich Koller; daß Prokesch 
hier bleibt, nimmt niemand mehr an. Ich bedaure dieß; denn solange Östreich seine bis= 
herige Stellung gegen uns beibehält, wünsche ich mir keinen andern Collegen als den bis= 
herigen; es ist jedenfalls besser, eine preußenfeindliche Politik durch einen ungeschickten, 
als durch einen gewandten Vertreter geführt zu sehn. 
Was ich in Paris an politischen Symptomen wahrgenommen habe, sprach übrigens 
nicht für die Fortdauer eines geheimen Verständnisses zwischen Wien und Paris. Man 
renommirte in den ministeriellen Kreisen allenfalls damit, die deutschen Mittelstaaten in 
der Tasche zu haben; die Erwähnung Östreichs aber war stets mit unwillkührlicher Bitter= 
keit gefärbt, während ich glaubte, man werde uns gegenüber gern sich den Schein geben, 
²) Vgl. oben Bd. I, S. 505. 
³)   Am 29. Juli 1855 war in Hannover ein neues Ministerium berufen worden, dessen Leitung Graf 
Kielmannsegge übernahm. 
¹) Am 6.   September.