Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6a. (6a)

86 Unerwünschtheit eines französisch-italienischen Krieges. 
Situation Deutschlands bewahrt haben werden, und daß Ew. pp. mit mir die Überjzeugung 
teilen, daß wir, angesichts der heutigen Haltung Srankreichs, nur in der geeinigten natio- 
nalen Kraft Deutschlands unsere Bürgschaft für die Gukunft zu suchen haben, eine Bürg- 
schaft, welche selbst schwerer wiegt als die Gefahr, daß eine italienische Regierung dem 
natürlichen und erprobten Bündnisse Deutschlands zugunsten Grankreichs entsagen könnte. 
Wir würden auf die deutsche Aationalkraft als auf eine geeinigte nicht mehr rechnen 
können, wenn es uns nicht gelänge, den bisber bestehenden religiösen Srieden in Deutsch- 
land zu erhalten. Wie Ew. pp. bekannt, hat die ultramontane Partei bisher in Preußen 
einen sehr unbedeutenden und unter den atholischen Majoritäten Süddeutschlands 
wenigstens nicht den leitenden Einfluß. Diese Sachlage würde sich m unserem Nachteil 
ändern, sobald, in Wahrheit oder durch Lüge, den Massen der ehrlich und gläubig katbo- 
lischen Landbevölkerungen glaublich gemacht werden könnte, daß Preußen gegen das 
Oberhaupt der katholischen Kirche sich in offenem Kampfe befände und den blutigen und 
schweren Krieg mit Srankreich nur unternommen habe, um letzterem die Beschützung des 
Dapstes m verbieten. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß von dem Augenblicke an 
die acht Millionen Katholikkten des Norddeutschen Bundes, anfstatt zehn oder zwölf aus 
den Wahlkreisen, wo sie die Majorität haben, vielleicht gegen 100 prinzipielle Gegner der 
Regierung zum Neichstage entsenden könnten. VNoch mächtiger aber würde die Verletzung 
des religiösen Gefühls bei der Mehbrheit der süddeutschen Katholiken wirken, und die Schutz- 
und Trutzbündnisse mit Süddeutschland würden, wenn unter solchen Umständen zum ersten 
Male auf die Probe gestellt, letztere schwerlich bestehen. Diese neuen Grundlagen deutscher 
Gesamteinigung würden dann mutmaßlich auf die Dauer verloren geben, während ein direk- 
ter Angriff SFrankreichs auf Deutschland ohne Beimischung konfessioneller Sragen die 
nationale Gemeinschaft befestigen und entwickeln würde. Auch in Paris wird man sich 
darüber klar sein, daß ein deutsch-französischer Krieg, in welchen Frankreich wegen Ver- 
teidigung des Papstes durch einen Angriff Preußens verwickelt würde, günjtiger für Srank- 
reich läge als ein Angriff auf Deutschland zur Hinderung seiner nationalen Einigung. 
Wenn diese Auffassungen, von welchen Seine Alajestät der König bei Erteilung der 
Instruktion vom 13. sich hat leiten lassen, richtig sind, so ist es evident, daß uns der Ausbruch 
eines Krieges zwischen Stalien und Srankreich auf Grund der römischen Grage in ein sehr 
unerwünschtes Dilemma bringen würde. Wir würden Gefahr laufen, unsere italienischen 
Bundesgenossen besiegt und noch mehr als bisher in Abhängigkeit von Srankreich verfallen 
zu seben, wenn wir uns der Teilnahme enthalten, und wir würden andernfalls genötigt sein, 
den gefährlichsten Krieg, der uns bevorstehen kann, den mit Frankreich auf einer falschen 
und unsere Kraft abschwächende Basis zu führen. 
Es ist wahr, daß England, Rußland und Österreich fast das gleiche Unteresse haben wie 
wir, Italien nicht noch abbängiger von Frankreich werden zu lassen; aber es ist kaum zu 
bezweifeln, daß die genannten drei Mächte uns die Initiative mschieben würden, ohne uns 
Gewißheit zu geben, dah sie derselben zu folgen beabsichtigen. Sie würden eine abwartende 
Haltung vorziehen, und darüber würde der Fall zum Nachteile Staliens erledigt werden, 
wenn wir es nicht übernehmen, die Kastanien rechtzeitig aus dem Seuer zu holen. 
Osterreich ist für jetzt nach keiner Seite hin zur Aktion befähigt: Außland würde das 
Maß, bis zu welchem es sich neu erstarkt fühlt, im Orient verwerten, und an eine Anderung 
der englischen Abstentionspolitik m glauben, fehlt bisher jede Veranlassung.