450 Sohenlohe u. der Zusammentritt der Liquidationskommission. England u. die deutsche Einigung.
die Luft sei in diesem Augenblicke gar nicht günstig, das Erscheinen preußischer Militärs
würde eine große Aufregung verursachen. Es scheine ihm zweckmäßiger zu warten, bis die
Kammern, die in diesen Tagen zusammentreten, im vollen Juge seien.
Obgleich mir ein baldiger Zusammentritt der Kommisson lieber wäre, so finde ich es
doch bedenklich, einen derartigen persönlichen Wunsch des Fürsten Hohenlohbe abzulehnen.
Der Jürft ist unser bester Sreund in Bayern und hat eben um deswillen eine schwierige und
bedrohte Stellung. Wir haben ihn gegen die Strömungen der ultramontanen, östreichischen,
französischen ulnd] specifisch bairischen Cinflüsse zu unterstützeni. Wenn wir das durch einen
kurzen Aufschub erreichen, ulnd) ich habe kein Mißtrauen in seine derfalsige Versicherung",
so ist der Gewinn nicht zu teuer bezablt.
Bei der nabeliegenden Gefahr, den Grund des Aufschubs von der Presse in ent-
stellender und feindseliger Weise behandelt m seben, darf ich mir die ganz ergebene Bitte
erlauben, daß Ew. pp. diese Mitteilung nur als zu Shrer perfönlichen Kenntnisnahme
bestimmt betrachten wollen.
1221. Telegramm an den Botlschafter in London
Grafen von Bernstorff.
[Kanzleikonzept.]“
Bis tief in das Jahr 186s binein hatte sich Bismarck der Erwartung bingeben dürfen,
dah die englische Regierung einer Lösung der deutschen Srage im Sinne eines JZusammen--
schlusses des Südens mit dem Vorden keine Hindernisse in den Weg legen werde. Es war freilich
nicht richtig, was Professor Bluntschli gelegentlich der Tagung des Sollparlaments (ogl. Soll-
parlaments-Briefe des Professors Bluntschli, mitgeteilt von H. v. Poschinger, Deutsche Reoue,
XXD2, S. 28) in Erfabrung gebracht haben wollte; daß die englischen Staatsmänner im
MAüärt 1868 geraten hätten, „vorwärts m machen in Deutschland und ein tait accompli
bin#u#stellen“. Im Gegenteil hatte der englische Staatssekretär Lord Stanley im Januar
gegenüber Graf Vernjiorff seine Auffassung dabin präzisiert: „Lassen Sie Frankreich und
ÖOlterreich Zeit, sich an die neuen Verbältnisse u gewöhnen, und wenn sie sich daran gewöhnt
haben, wird sich die Bereinigung des deutschen Südens mit dem Norden auch ohne beftige
Erschütterungen vollziehen.“ Dgl. H. Michael, Bismarck, England und Curopa, S. 99f. Au
Dieroeli datte im Märj sich auf den Standpunkt rubiger SJortentwicklung gestellt; seine
Auherung ju Vernstorff „certainly we do not wish Prussia to be disturbed in her disgestion“
(Vernstorsf an Bismarck e. Aärt 1868, Bismarck-Jahrbuch, VI, 190) zeugte immerbin von
einer freundlichen Gelinnung für Preußen. Aber bereits im Grübling 1668 war der Bestand
der konservativen Regierung in England erschüttert, und es fragte sich, wolche Haltung ein
liberales Kabinett in der deutschen Srage einnehmen würde. Als künftiger Staatslekretär des
Auhern galt im voraus der Vorgänger Lord Stonleys, Lord Clorendon. Dieser unternohm
im Grühherbst 1868, wohl schon im Hinblick auf seinen Wiedereintritt in dos Foreign Oftice,
eine Veije nach dem Kontinent, zunächst nach Deutschland, dann nach FSrankreich. In Wiesbaden
und Koblenz batte er Unterredungen mit König Wilhelm I. und Königin Augusta, in Paris
mit Rapoleon III., Marquis de Woustier und dem österreichischen Diplomaten Graf Bitztbum,
der den Fürsten Metternich vertrat. Von seinen Gesprächen mit M#poleon gab Lord Clarendon
der Königin Augusta in einem ausführlichen Memorandum vom 28. Cktober (liebe dessen
Cext bei H. Oncken, Die Wbheinpolitik Kaiser A#poleons III., III, S1f., wo irrtümlich als
Adressatin Königin Victoria angegeben ist) Kenntnis. Danach batte Rapoleon sehr deutlich
m versteben gegeben, dah schon der Eintritt Badens in den Norddeutschen Bund für Srank-
„ Die Worte: „gegen die Strömungen . eigenbändige Korrektur Bismarcks.
DieWorte: „ulndl ich babe kein Mihtraun ... eigenbändiger Einschub Bismarcks.
1221.: Das Konjept beruht laut Akttennotih auf Diktat Bismarcks und trägt den Vermerk von der Hand
Chiles: „Von Seiner Maosestät genehmigt.