Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6a. (6a)

452 Bismarck lehnt Veto des Auslandes in Einigungsfrage a limine ab. 
bringen müssen, eventuell den Reichstag m diesem Zwecke früher zusammenberufen. Unser 
Verbalten seit zwei Jahren beweist binreichend unsere Enthaltsamkeit hinjichtlich Süd- 
deutschlands. Wenn dieselbe auch durch unfere Sriedensliebe bestärkt wird, so entspringt 
sie doch nicht aus der Furcht vor dem Kriege. Benehmen Sie Lord Clarendon jeden 
etwaigen Sedanken, als wenn wir dem Kriege mit Besorgnis vor dessen Ausgange ent- 
gegensähen. 
Vorstehendes nur für den Fall, daß bis zum Eingang meiner schriftlichen Antwort 
Lord Clarendon auf das Thema zurückkommen sollte. 
H. Michael, Bismarck, England und Europa von 1866 bis 1870, S. 215. 
1222. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Beenstorff. 
[Kanzleikonzept.)] 
Verlin, den 8. Dezember 1868. 
Ew. pp. Immediatbericht vom 4. d. M. Ar. 185° habe ich nicht ohne peinliche Über- 
raschung gelesen, da ich Lord Clarendon in höherem Grade über unsere Situation mit allen 
ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten orientiert glaubte. 
Unsere Politik seit dem Prager Grieden hat sich das Seugnis der AMäßigung nach allen 
Seiten hin erworben und dieselbe auch in der SCnthaltsamkeit von jeder Einmischung in 
die süddeutschen Angelegenbeiten bekundet. Der Prager Srieden gibt uns ein unbestreit- 
bores Recht, uns, wenn wir es wollten, mit den Angelegenbeiten Süddeutschlands zu be- 
fassen: einmal um die Herstellung des zu Prag in Aussicht genommenen süddeutschen Bundes 
zu fördern, sodann um die in jenem Frieden gewollten nationalen — nicht internationalen 
— Beziehungen zu Süddeutschland zu regeln. Der Prager Grieden schließt nur die Ein- 
mischung Österreichs in die deutschen, also auch in die süddeutschen Verhältnisse aus und 
begründet diejenige Srankreichs in keiner Weise. 
Ungeachtet dieser Berechtigung und Aufforderung, die jener Sriedensvertrag uns 
zuwies, haben wir die Cntschließungen der xsüddeutschen Regierungen in keiner Weise zu 
beeinflussen gesucht. Bei dlesem Verfahren haben wir uns durch keine Furcht vor einem 
Veto des Auslandes leiten lassen. Jeder gewalttätige Versuch fremder Alächte, der 
deutschen Ration ihren Willen aufzudrängen, würde die letzte einig und stark genug finden, 
um ihre Unabhängigkeit zu wahren. Was uns von einer Einwirkung auf den Süden ab- 
hielt, war Rücksicht auf die süddeutschen Staaten und Achtung vor der Unabhängigkeit 
ihrer Entschließungen. Es würde eine sehr törichte Politik jein, wenn wir die in Europa 
bekannte Stimmung der süddeutschen Regierungen und ihrer Untertanen, den hohen Wert, 
den beide auf ihre Unabbängigkeit legen, und ihre Abneigung gegen den Verlust ihrer 
eigenen Gnstitutionen durch irgendwelche Pression auf dieselben zu beleitigen versuchen 
* Das Konzept beruht laut Astennotiz auf Diktat Bismarcks. Es trägt den Vermerk: „Von Seiner 
Majestãt im Entwurf genehmi migt“. 
2 Vgl. Ar. 1221, Vorbemerkung.